Feb 24
Die

Mein lieber Herr Li, heute muss ich mich mal stellvertretend bei Dir entschuldigen.

Ich weiss – Du bist keine Frau, und Du bist auch nur in Einzahl. Trotzdem wirst Du so oft ungerechterweise mit “die” betitelt.

DIE können einfach nichts.
DIE haben keinen Durchblick und DIE sind sowieso nervig, machen ständig alles falsch und könnten ohne UNS überhaupt nicht überleben.

Manchmal ist es geradezu unmöglich ihm aus dem Weg zu gehen, dem liebsten Verbrüderungs-Ritual der Menschheit: Schubladen-denken. Dafür muss man natürlich nicht gleich ins entlegene Ausland fahren, das passiert in jedermanns Alltag. Und doch: fern der Heimat neigt offenbar der Großteil der Menschheit reflexartig zu umfassenderen kathegorischen Grüppchenbildungen.

DIE haben mal wieder die Strasse hier völlig zugeparkt.
Wie kann es sein, dass DIE einfach kein Auto fahren können?

Dabei wird für gewöhnlich das DIE mit dumm und das WIR mit wirklichschlau gleichgesetzt. Ein gar glücklicher Umstand sorgt hier dafür, dass man sich jederzeit auf der Sonnenseite der Intelligenz befindet: Der Sprechende ist immer ein Teil des WIR.

Wenn DIE also in jeder Grünphase jegliche Ampelkreuzung verstopfen, weil DIE sich nicht um rechts-vor-links kümmern, dann sind WIR im Umkehrschluss die Helden des Asphalts. Damit kann man natürlich gut leben.

Das eigentlich Dumme am Label DIE ist aber, dass es eine Differenzierung des Einzelnen verhindert. Und so parken halt mal global alle Chinesen schlecht, nicht nur der Jettakönig, wegen dem man nun 4,23 Meter Umweg machen muss.

Wer ins Ausland geht, befindet sich prinzipiell in der Minderheit. Vielleicht erklärt das, weshalb man so schnell den sozialen Stempel zückt und munter um sich herum Postamt spielt. Wenn einem dabei aber recht schnell die Tinte ausgeht, sollte man einmal hinterfragen, ob man als Jurymitglied so geeignet ist.

Gut, das mit dem Verkehr ist jetzt andererseits ein blödes Beispiel. Parken können die wirklich nicht. Und zwar alle. Und von Vorfahrtslogik haben sie auch noch nie was gehört. Dafür hupen die wie die Irren. Schlimm – denen sollte man gar keinen Führerschein geben!

Huch.

Feb 2

“One World, One Dream” – Das lokalpatriotische Motto der olympischen Spiele 2008.
Dieser Satz, der nach 60Grad erhobenem Tagträumer-Blick in die Ferne klingt, ist im Westen möglicherweise weniger bekannt. In Peking aber, wo vor ziemlich genau eineinhalb Jahren um Medaillen gekämpft wurde, kennt jedes Kind diesen Schlachtruf.

Man sieht ihn noch immer im Strassenbild. Manch im Sonnenlicht verblassender Bauzaun trägt ihn. Es gibt Gebäude, deren Wände weiterhin aufwändig mit den bunten Farben des Events bemalt sind. Störrisch halten sie an ihrem Aufruf zur Einheit fest. Und doch – mit westlichen Augen betrachtet ist es ein trauriges Bild. Es ist ihnen anzusehen, dass sie keine wirkliche Aufgabe mehr haben. Wenig kann so entflügeln wie die Träume von gestern.

Wir leben in Zeiten, in denen der größte Suchmaschinen-Anbieter der Erde und sowohl die chinesische, als auch die amerikanische Regierung um digitale Vormachtstellung kämpfen. Wer darf ungestraft die meisten Daten sammeln und wer wem die größten Denkfilter vorsetzen? Der liberale Mausklicker stellt hier nicht nur den fehlenden gemeinsamen Traum fest, sondern muss einsehen, dass bereits der Anfang des olympischen Ausrufes fern der Realität zu sein scheint. Nach “einer” Welt sieht es derzeit wenig aus.

Herr Meyer findet ja, dass die prä-olympischen Träume nicht nur nicht eingetreten sind, sondern sich der Traum obendrein vertraumatisiert hat. Wo ist die erhoffte Annäherung der Chinesen, die Öffnung in Richtung westlich anerkannter Lebensweisen? Herr Johnson fügt hinzu, dass es danach aussieht, als wäre die Situation nach den Spielen sogar noch desolater als davor und bestellt ärgerlich noch ein Bier.

Und Herr Li? Haben wir je daran gedacht, Herrn Li danach zu fragen?

Herr Li kaut genüsslich den letzten Dumpling durch und blickt Herrn Meyer und Herrn Johnson fragend an. Was die beiden jetzt eigentlich mit ‘desolat’ meinen würden, möchte er wissen. Noch bevor diese allerdings zu bedeutungsschweren Antworten voller Menschenrechte und Freiheit ansetzen können, stellt Herr Li, noch immer schmatzend, seinerseits die Gegendarstellung auf:

Man habe Olympia nach China holen wollen und das hat ja auch geklappt. Dann wollte man der Welt beweisen, welch große Sportnation auf dieser Seite des Kulturäquators schlummert. Und? Man hat doch auch in der Tat die meisten Medaillen abgeräumt! Olympia in China, das war so wie die Fussball WM in Deutschland. Ein großartiges Gefühl des Zusammenhaltes. Patriotisch bis unter die Hutkrempe lag man sich in den Armen und durfte sich endlich einmal nicht so minderwertig und als dritte Welt fühlen.

Deutschland hat 2006 gelernt, dass es in Ordnung ist, wenn man sich in der Öffentlichkeit als Deutscher zu erkennen gibt und dass die eigene Fahne doch gar nicht so schlecht aussieht. Das kam einem Befreiungsschlag gleich.

Für Herrn Li war das mit Olympia ganz ähnlich. Und wen kümmert schon, welches Mädchen welches Lied singt und wieviel Feuerwerk echt oder falsch ist? Wenn Hollywood mal wieder Washington D.C. oder New York explodieren lässt, wackelt in Wirklichkeit doch auch kein einziger Stein. Dennoch fühlen sich alle wunderbar unterhalten. Was zählt, ist die Wirkung. Man hat sich für zwei Wochen als großer Teil der Welt, der “One World” empfinden dürfen. Das und die Führungsposition auf der Medaillenliste war letztlich der “eine Traum” gewesen. Es ist alles eingetreten. Wie da jetzt ‘desolat’ ins Bild passt, das wäre Herrn Li nicht ganz klar.

Herr Meyer und Herr Johnson blicken sich fragend an. Ihnen dämmert, dass sie möglicherweise überprüfen müssen, wo die Wurzeln ihrer Interpretation von “One World, one Dream” liegen. Und doch krempeln sie ihre mentalen Ärmel hoch und begeben sich für die kommende Stunde auf intensives Streit-Terrain.

Die Sonne steht tief über der Hauptstadt. Die Kamera entfernt sich in einem langsamen Schwenk vom Tisch des kleinen Restaurants, in der unsere illustre Gruppe eifrig diskutierend sitzt. Als sie rückwärts durchs Fenster auf die kleine Huton-Gasse schwenkt, dringen die typischen Geräusche einer chinesischen Seitenstrasse an unser Ohr: Das Rauschen des Windes, das entfernte Hupen eines Autos auf der Hauptstrasse, zwei lachende Kinder und das Murmeln der Nachbarn, die sich interessiert über das Aussehen des Kamerakrans unterhalten. Als sich dieser erhebt, huscht vor unserem Auge ein Stück Papier vorbei. Ein Karton, der notdürftig in ein Loch in der Wand geschoben wurde.

Ein paar Meter weiter fällt unser Blick auf fünf farbige Ringe, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich haben und langsam aber sicher dem Zahn der Zeit Tribut zollen.

Wir blicken über eine Stadt, deren Gesicht sich durch die olympischen Spiele stark verändert hat. Die IOC Reliquien verschwinden Stück für Stück. Vor unseren Augen aber wuseln Menschen umher, für die Olympia oftmals vor allem eines bedeutet hat: ein gestiegenes Selbstbewusstsein. Und das hat bleibenden Character.

In der Ferne entdecken wir das Birdsnest. An diesem befindet sich dieser Tage eine künstliche Outdoor Skipiste und davor die World Chocolate Wonderland Ausstellung. Man zeigt dem staunenden Publikum Ostereier, Weihnachtsmänner und allerlei anderes erstaunliche fremdländisches aus Schokolade.

Beide Attraktionen bedeuten zweierlei: zum einen der andauernde Versuch, westliche und östliche Kultur aneinander zu gewöhnen. Zum anderen die erstaunliche Tatsache, dass die Regierung dieser Stadt nach wie vor das Ziel verfolgt, die Sportstätten nicht verwaisen zu lassen. Eine schwierige Aufgabe, die manch andere Nation schnell aufgegeben hat.

Unsere Kamera zieht weiter auf, und am Horizont kann man sehr klein ein Stück der chinesischen Mauer entdecken. Ein Zeugnis der fünftausendjährigen Geschichte des Landes. Laut Herrn Li sagte Konfuzius einmal im Schatten dieser: “Wer lange glücklich sein möchte, muss sich oft verändern”. Veränderung aber kommt von innen und ihre Richtung wird auch von dort bestimmt.
Wer glaubt eigentlich ernsthaft, dass diese Richtung zwangsläufig dieselbe ist, wie von ausserhalb erwartet wird?

Mensch, Herr Li – Da haste aber irgendwie auch wieder recht! Prost, Du gelber Halunke. Und jetzt lass uns mal eine Runde singen gehen.

Jan 27

“Da musst Du UNBEDINGT mal hin”!

Wenn einem in China dieser Satz über den Weg läuft, kommt er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem Mund eines Ausländers. Dieser dürfte sich dann mit verschwörerisch verklärtem Blick in eine Schilderung verleidenschaftlichen, die der folgenden ähnelt:

“Das ist das beste, was Du je gegessen hast. Irre. Einfach irre. Der Laden liegt ganz versteckt, den findet nicht jeder. Ist so ein ziemlich herunter gekommener Schuppen, die haben auch nur vier oder fünf Tische. Also, aufs Klo willst Du da nicht unbedingt gehen, das sag ich Dir. Aber es ist halt einfach völlig authentisch. Wir konnten gar nicht genug bekommen.”

Vom Lexikon als “echt” und “original” bezeichnet, bekommt die kleine lustige Vokabel “authentisch” in China ein schizophrenes Eigenleben, das seine eigene Bedeutung verlebt.
Als Neuling weiß man das noch nicht. Und so pilgern unablässig Frischlinge zu den authentischsten Plätzen der Umgebung und verbreiten anschließend in gutem Glauben die Sawyer’sche Theaterbegeisterung.

Wer etwas länger im Land ist, dürfte einer als authentisch beschriebenen Location relativ wenig Interesse entgegenbringen. Er weiß: Authentisch bedeutet in diesem Zusammenhang hoffnungslos alt, zerfallen und besorgniserregend hygienefrei. Mehr nicht. Es ist erstaunlich, aber es stimmt: mehr nicht!

Aber wer nach China kommt, ist praktisch zwangsläufig auf der Suche nach Unterschieden, dürstet nach Kulturschock und bejubelt jeglichen Kontrast. Sonst hätte man schliesslich auch nach Mallorca fliegen können.
Nein, wenn man schon den weiten Weg auf sich nimmt, dann soll es auch was bringen. Immerhin warten Freunde und Kollegen zuhause auf haareraufende Geschichten. Die Skandalsau in uns allen grunzt nach Futter. Und zur Not wird dem Kontrastregler halt einfach ein wenig nachgeholfen.

Nach einer Weile Aufenthalt sind schließlich alle offensichtlichen Differenzen zwischen hier und daheim abgefeiert. Und was läge also näher, als zum Experten des “echten alten” Chinas zu werden? Dann würde man auch den hier ansässigen Kollegen tolles erzählen können.

Wie wunderbar also, wenn man wieder einen Laden gefunden hat, dessen Interieur von Maos Urgrossvater gestaltet worden sein könnte! Meist ist es auch von diesem das letzte Mal gereinigt worden. Aber das macht die Sache eher noch interessanter und eben erst recht so richtig authentisch.

Man bestellt quer durch die Karte und probiert was das Zeug hält vermeintlich geheimtippsige Getränke ohne Aufdruck von Haltbarkeitsdatum. Keine Sorge – wenn es authentisch ist, dann kann es nicht schädlich sein. Ach wie schön – das ist das echte China! Und das kann man nur finden, wenn man die ganz versteckten Plätze auftreibt.

Komisch eigentlich, dass dann dort abgesehen vom Personal keine Chinesen sind. Der Tipp zu dem Restaurant kam auch nicht von Herrn Li, sondern Herrn Meyer.

Inhaber und Angestellte jener Etablissements haben sich längst mit der wunderlichen Tatsache abgefunden, dass die komischen Ausländer es so haben wollen. Wenn man sie (auf Chinesisch) fragt, geben sie recht schnell und offen zu, dass sie es nicht verstehen und selbst eher woanders dinnieren würden. Aber wenn sich damit ein Geschäft machen lässt, dann bitte sehr. Und die Geschäfte laufen gut.

Die echten Chinesen sitzen dann derweil unweit der Bruchbude in moderner ausgestatteten Restaurants.
Deren Küchengeschichte reicht jedoch Generationen zurück, wie man mit wenig Aufwand erfahren kann. Im Laufe der Dekaden ist man nur in größere und komfortablere Immobilien gezogen, um dem Ansturm der Gäste gerecht zu werden. Dennoch sind jeden Abend alle der unzähligen Tische mehrfach belegt.

Erinnern wir uns an eine bekannte Weisheit: wer im Ausland gute Küche sucht, sollte dort essen, wo die Einheimischen essen.
In die Eingänge dieser Restaurants verirrt sich aber fast nie ein Laowei (spöttisch für “Ausländer”). Viel zu unscheinbar und viel zu wenig authentisch.

Ironischer Weise ist das Restaurant damit das besser versteckte. Und den Herrn Meyers und Johnsons entgeht so das beste Essen. Und das müssten sie WIRKLICH mal probieren!

Jan 20

Gestern morgen kam der Herr Li ganz aufgeregt angelaufen und zeigte mir die nebenstehende Grafik. (Quelle)

Die Luftqualität dieser Stadt, so die zusammengefasste Aussage, verbessere sich deutlich. In 2008 hätte es 274 himmelblaue Tage gegeben und in 2009 immerhin 260.

Das ist ja ein dolles Ding, dachte ich noch so bei mir und schob den Vorhang zur Seite. Draussen bot sich mir indes das gräuliche Bild des Widerspruchs.

Das sah ja nun nicht so wirklich nach einem ‘Blue Sky Day’ aus. Mit Glück konnte man vielleicht 200m weit sehen. Aber man wollte es nicht unbedingt. Denn das, was man da erspähen konnte, blieb besser hinter Vorhängen verborgen.

Damit ein Tag ein ‘Blue Sky Day’ wird, muss sich sein API Wert unter 100 befinden. International wird für diesen Level jedoch nicht die Farbe Blau verwendet, sondern Gelb, was den ampelgeschulten Westeuropäer sogleich aufhorchen lässt.

Blau kommt in der internationalen Tafel nicht vor, so dass der Verdacht nahe liegt, die Farbwahl solle weniger den Himmelston beschreiben, als vielmehr die die Couleur der Tabelle beschönigen. Diese findet der nach Luft schnappende Leser in ihrer Gänze einmal auf der linken Seite.

Und hier sehen wir sehr schön, dass die Palette gen Süden ins Purpurne abrutscht. ‘Lila ist der letzte Versuch’ heisst es doch auch so schön. In diesem Falle ist es wohl der letzte Versuch, Luft zu bekommen. Und dem sah sich der Herr Li gestern ausgesetzt. Völlig ohne es zu merken. Denn wenn man seinen Blick vom Fenster löste, um die gemeldete Zahl der einzigen unabhängigen Luftmesstation Pekings zu betrachten, sah man dieses:

Man mag das zunächst noch für eine hübsche runde Zahl halten, muss dann beim Vergleich mit der Einstufungsliste jedoch mindestens eineinhalb mal stutzen. Dort steht als Oberkante allen Übels “301 – 500: Hazardous”. Das Lexikon sagt dazu “riskant, gefährlich, gewagt” und die kurze freundliche Beschreibung legt nahe, sich weit zu entfernen.

Aber Moment – die Skala geht ‘nur’ bis 500? Für den Exil-Atmer heisst das leider: Höher wird einfach nicht gemessen, der Wert könnte jedoch auch bei 501, 620 oder 2.384 liegen. Man weiss es halt nicht. Und das ist bestimmt auch besser so. Bei dieser Erkenntnis sollte man tunlichst jegliche Schnappatmung vermeiden, denn die geht für gewöhnlich recht tief in die Lunge.

Es drängt sich einem angesichts dieser Teilchenmasse der Verdacht auf, dass der Begriff “verbotene Stadt” schon gar nicht so schlecht gewählt wurde. Und es weckt Verständnis für die unzähligen Chinesen, deren Lungen auf der Strasse unablässig den Auswurf-Knopf bedienen.

Natürlich wollen wir uns zum Abschluss noch einmal die Statistik von oben ansehen (sofern diese noch nicht der Grauschleier befallen hat) – 260 bläuliche Tage sind immerhin zwei Drittel der Zeit. Und das ist in der Tat zu begrüßen. Zwei Gegenfragen hätte ich da nur. 1. Was ist mit den Nächten, sind die dort auch erfasst oder ist das ein cleveres Schlupfloch, um die Zahl zu verbläulichen? Und was ist wohl die durchschnittliche API Menge, wenn an den restlichen 100 Tagen 300 oder mehr API herrschen? Sähe die Statistik noch immer so goldig aus, wenn man diese Zahl wüsste?

Drücken wir einmal die Daumen, dass der Smog bald laut ‘I’m blowing with the wind’ singt. Denn der fegt die Luft üblicherweise wunderbar frei. Wenn auch nur für einen Tag.

UPDATE – Dank Raphael’s freundlichem Kommentar zu diesem Eintrag kennen wir nun auch die von der “Ministry of Environmental Protection of the People’s Republic of China” offiziell gemessene und vermeldete API Zahl: 183.

Nanu, da sind wohl 317 Partikel verloren gegangen. Vielleicht haben die es nicht durch die dicke Luft bis zur Messstation geschafft. Man sieht aber auch so schlecht, wo die ist…

Jan 5
Heute gehen wir mal so richtig lecker essen!

Dieser Satz steigert ungemein eines der wunderbarsten Gefühle der Welt: Vorfreude. Im Anschluss daran folgt gemeinhin der ein oder andere Vorschlag für den Ort des Geschehens und ein erwartungsfroher Blick auf die Uhr.

Im Mund spielt sich derweil ganz ähnliches ab: aufgeregt laufen die Geschmacksknospen umher und diskutieren wild mit den Armen fuchtelnd, wie man sich bestens auf Rosmarin, Thymian oder Bratkartoffeln vorbereitet. Da wird das Begrüßen der verschiedensten Glukose- und Saccharid-Verbindungen geübt und die LaOla-Welle für den Shiraz.

Im Lande Maos läuft es freilich ganz ähnlich. Auch hier kommt Stimmung auf, und die kleine Schar der Abschmecker gerät ins Frohlocken. Sie haben sich mit den hiesigen Aromen bereits etwas bekannt gemacht.

Einzig wenn man mit einer rein chinesischen Runde auf unbekanntes Restaurant-Terrain gehen soll wird der Langzeittourist etwas vorsichtig. Denn da weiss man ja nie so genau, was die Hand zum Munde führen soll.

Aber Kneifen ist nicht. Und so findet man sich wenig später wieder einmal in einem Geheim-tipp Tempel mit mindestens hundert Tischen wieder. Erneut könnte man jeden Tag an der Eingangstür vorbei laufen ohne auch nur zu ahnen, welch enorme Verköstigungskapazität dort hinter unscheinbarer Tür wartet.

Das geht anderen offenbar auch so – Nach Betreten stellt man fest, dass man der einzig Anwesende ohne chinesischen Pass ist. Da weiss man genau: Aha, das ist ein sehr lokales Lokal und touristisch noch unerkundeter Boden. Die Bestellung überlässt man anderen, weil man sich noch über die Aquarien mit den Schildkröten Gedanken macht. Dass diese nicht der Dekoration dienen ist bekannt. Und so hofft man der Dinge, die da nicht kommen mögen.

Gottlob taucht dann auch kein gehexelter Schildbürger auf. Stattdessen ein Teller mit 40cm Radius. Auf diesem ein großer Haufen Dingens mit viel Zeug. Der lapidar dahin geworfene Ausruf “Fisch” mit Fingerzeig Richtung Megateller beruhigt. Und so greift man fleissig zu. Die kleinen Racker auf der Zunge melden eifrig “töfte Sache” und gehen pflichtbewusst ihrer aromatischen Arbeit nach. Die den Teller umzingelnden Beilagen fragt man gar nicht erst ab, sondern genießt die schmackhafte Wahl. Und das ist sie in der Tat.

Irgendwo Mitte der zweiten Portion wird man ob der zufriedenen Gesichter der Restanwesenden stutzig und fragt halbschlau “Will ich eigentlich wissen, was das ist oder lieber nicht”?

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Jan 2

happy 2010Es ist wieder einmal so weit: Das Kalenderblatt wechselt den Nachnamen und zeigt ab sofort zweistellig an, was Sache ist.
In Peking hat es zur Feier des Tages gleich einmal im Dauereinsatz geschneit, und nun sieht’s aus wie in Deutschland. Das verstehen wir mal als Brückenschlag und damit also ein winterlicher Gruß an alle da draussen.

Das Aufrücken von 09 auf 10, also von Einstellig-auf Zweistelligkeit sollte an eines erinnern: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird niemand von uns das Aufrücken der nächsten Zählerstelle erleben. Die Null nach der Zwei wird uns für den Rest des Daseins begleiten.

Seien wir uns also einfach mal der Tatsache bewusst, dass wir nur eine begrenzte Zeit auf dieser Erde herumhüpfen dürfen und nehmen uns für 2010 vor, nichts auf morgen zu verschieben, was wir heute noch und so weiter. Also bleibt gesund und freut euch des Lebens. Gefälligst. Denn das findet gerade in diesem Moment statt.

Ein frohes neues Jahr!

Dez 30

“Gott, dauert das immer so lange hier”?
“Ja, nervig, die haben einfach kein System”.
“Schlimm. Wer’s nicht kann, sollte einfach kein Restaurant aufmachen”.
“Absolut. Eine Frechheit ist das”.
“Übrigens, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Meyer”.
“Angenehm, Schulze”.

Wer bei dem obigen, verkürzt dargestellten Dialog ein warmes Gefühl im Bauch spürt und sich am liebsten auch gleich vorstellen möchte, der ist vor allem eines: ein Deutscher.

Göthe sagte schon so schön “Mit dem Wissen wächst der Zweifel”. Und seinen Kindeskindern gereicht das als Mantra. Der Zweifel nährt die Kritik, womit Nörgeln im Allgemeinen, im Speziellen und über alles und jedes zum Selbstverständnis wird. Dabei ist es oft gar nicht so gemeint. Es dient vor allem dazu, eine gemeinsame Basis zu finden, eine Verbindung zwischen zwei Fremden. Du genauso entrüstet wie ich? Klasse, wir Freunde.

Herr Johnson macht das ähnlich. Nur geht es bei ihm über den Pluspol: das gemeinsame Feiern des absolut greatest Day im Life und die Gewissheit, man sei noch nie sowas von fine gewesen. Helau in allen Gassen, da sind die imaginären Pom Poms immer im Anschlag.

Herr Li schlägt ganz andere Töne an. Und zwar wörtlich. Man sollte sich in seiner Gegenwart mit allzu deutschen Beschnüffelungen zurückhalten. Herrn Li irritieren diese, denn er ist es nicht unbedingt gewohnt, sich Fremde durchs Meckern zu Freunden zu machen. Insbesondere wenn man sich in seinem Land aufhält, nimmt er um sich greifende Kritik möglicherweise sogar persönlich.

Für ihn gibt es dagegen zwei sehr etablierte Verbrüderungs-Rituale. Diese bedeuten dem durchschnittlichen Westler einerseits Kopf- und andererseits Bauchschmerzen. Obwohl keines der beiden auch nur im Geringsten etwas mit Kung Fu zu tun hat.

MaotaiphotoVariante 1 ist der 白酒 bzw. Báijiǔ. Wahlweise auch Sagrotan, aber das ist subjektiv. Das Getreide-Schnaps Derivat kommt aus derselben benebelten Ecke wie Korn, Obstler und Vodka. In China ist es DAS Getränk schlechthin. Es gibt den Baijiu in vielen Varianten, sein Alkoholgehalt pendelt je Marke um 55%, sein Preis zwischen Gut und Böse. Und er hat das Wort ‘Ganbei’ geprägt, das viele Ausländer als ‘Prost’ missverstehen. Dabei steht ‘gan’ für ‘machen’ und ‘bei’ für ‘Norden’. “Nach Norden machen” beschreibt in diesem Fall den Glasboden und heisst also “auf Ex”.

Randnotiz: Bitte keinem Chinesen mit ‘Ganbei’ zuprosten und dann nur vorsichtig anschlürfen. Es sorgt für wenig Gegenliebe, wenn dieser den Kopf aus dem Nacken nimmt und feststellt, dass er als einziger sein Glas geleert hat. Trinken ist eine ernste Angelegenheit und vor allem mit traditionell eingestellten Chinesen eng mit Ehre verbunden.

Im Falle von Baijiu ist Ganbei jedoch Programm. Und zwar, bis einer der Teilnehmer die Tischkante von unten sieht. Da darf man sich wieder jung fühlen und an die Trinkspiele der Jugend erinnern. Tags darauf fühlt man sich hingegen meist deutlich gealtert.

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Dez 15

Ach, Du mein lieber Herr Li. Es ist einmal wieder besonders Herr-Li-ch, was Du Dir so für das größte Fest westreligiöser Konsumfreude ausdenkst. Bereits Ende Oktober haben wir Verständnis mit Deinen eifrigen Aufrüst-Versuchen gezeigt. Nun aber betritt Dein Unbegreifen gar picassoistisches Terrain.

Weihnachtsbaum AEZ HamburgAuch im amerikanisch beeinflussten Deutschland gewöhnen wir uns immer mal wieder daran, dass ein Weihnachtsbaum zum Kegel stilisiert wird. Das ist praktisch, weil industriell einfacher produzierbar. Und wenn man ihn dann voller Glitter hängt, merkt fast niemand, dass dem falschen Fuffziger die Hüfte fehlt. Geblinke lenkt halt ab.

Zum Beispiel hier ein Bild aus meinem liebsten deutschen Konsumtempel, dem AEZ in Hamburg. Ein bisschen Gold, ein wenig Rot und alles geschmackvoll verteilt – so kann man damit durch kommen. Selbst die Kegelform ist nicht allzu stark übertrieben und lässt noch so manch Perfektionslosigkeit erkennen. Frei nach Stenkelfeld ist das sicherlich beabsichtigt: Da weiss der geneigte Kunde gleich “Aha – der sieht oben so krumm aus, der muss echt sein und is bestimmt von greisen Norwegern mit viel Liebe ein Leben lang aufgezogen, im Zuge eines feierlichen Dorf-Festes als schönster Baum gekürt, umgesägt und dann direkt hierhin verbracht worden, damit wir uns den jetzt zwei Wochen lang angucken können”.

Der aufmerksame Betrachter erkennt zweifellos auch die umherfliegenden besinnlichen Sterne an der Decke und noch so manch anderes dunkelgrünes und dunkelrotes Zeugnis, dass man sich nun in der Adventszeit befindet.

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Dez 9

Wenn Herr Müller eine Party gab, hat er früher immer eine eine Karte gemalt, damit Herr Meier und Herr Schultze auch wussten, wo sie hin mussten.
Das war sehr hilfreich.

Nur war die Karte nach einiger Zeit und unzähligen Durchläufen auf dem Kopierer etwas schwer lesbar. Dann mussten Herr Meier und Herr Schultze manchmal anhalten und jemanden fragen.

Müller Junior hat es da heute etwas einfacher. Wenn seine Eltern mal auf einem Kegelausflug sind, schickt er einfach fix einen Link per Google Maps und die Fräuleins Meier und Schultze wissen genau, wo er wohnt. Keine Fragen offen.

Der Segen des Internets liegt für viele in den bestechend einfach zu bedienenden Karten-Applikationen von Google, Microsoft und dergleichen. Auf der Karte suchen, im Satellitenmodus kurz die Optik checken, alles ausdrucken und ab geht’s. Mann kann sich sehr schnell dran gewöhnen.

Bis, ja bis man in China ankommt. Für den nicht der Landessprache mächtigen ergibt sich ein bunter Strauss Probleme, von deren Existenz er nicht einmal zu Albträumen gewagt hat.

nanluoguxiangEin klassischer Fall: Man bekommt noch in Deutschland die Adresse des Büros in Peking geschickt: 南锣鼓巷8号.
Der eigene Rechner vermisst dummerweise den chinesischen Zeichensatz, so dass man nur kleine Quadrate sieht. Wahlweise auch viele Fragezeichen. [wenn dort oben keine chinesisch aussehende Adresse zu lesen steht, ist genau das auf dem PC des geneigten Lesers der Fall]. Man fragt nach und bekommt die Adresse nocheinmal, diesmal in Pinyin Schreibweise, also mit für westliche Augen lesbaren Buchstaben: 8nanluoguxiang.

Chinesiche Wörter werden ohne Leerzeichen aneinander gereiht. Die Dame im Pekinger Büro klatscht also alles zusammen, wie sie es gewohnt ist. Groß- und Kleinbuchstaben gibt es bei ihr ja auch nicht.
Man wundert sich,wie lang der Strassenname ist und ob das ein einziges Wort sei, kopiert ihn aber geschwind in Google Maps. Dort findet man prompt…nichts. “No results found” heisst es und das war’s.
Also wieder Rückfrage im chinesischen Büro. Können die denn ihre eigene Adresse nicht?

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Nov 25

“a, e, i, o, u” – ein Vokal hat es gut bei uns. Als warm wird er empfunden, als ehrlich und angenehm. Die deutsche Sprache ist voll von Vokalen. Ließe man sie weg, wäre man schnell bei Tschechisch, ukrainisch oder Südpolnisch. Und das klingt in unseren westlichen Ohren hart und unangenehm.

aeiouGut, Konsonanten braucht es auch. Würde man diese weglassen, klänge ein jeder von uns wie ein sabberndes brabbelndes Baby. Niedlich zwar, aber wenig sinnvoll für die Verständigung.

Der Vorteil an der Kombination der beiden ist unübersehbar. Es lässt sich damit beinahe jedes Wort so niederschreiben, dass der Nachbar es phonetisch reproduzieren kann. (wir lassen hier einmal kultur- und dialektbedingte Unterschiede in der Aussprache ausser Acht)

Ein weiterer, oft vernachlässigter Vorteil dieses Systems ist die Möglichkeit, neue Worte zu erfinden, die wiederum andere direkt lesen und aussprechen können. Und durch Ableiten von Wortähnlichkeiten können sie in diesen neuen Begriffen sogar oftmals sofort Sinn erkennen. “Fluxkompensator” beispielsweise. Dieser scheint einen irgendwie gearteten Fluss auszugleichen. Vielleicht weiss man zunächst nicht mehr als das, ist aber zumindest schon einmal darüber informiert, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um ein Frühstücksei handelt.

Ein Nachteil des Buchstaben-Reigens ist die absolute Notwendigkeit, jeden Ton durch einen Alphabet-Teilnehmer repräsentieren zu lassen. Das führt dann gerne mal zu Bandwürmern wie diesem hier: “Suppenlöffelstielholz”. Das erfahrene Plappermaul sieht hier 4 Wörter in einem. Der weniger erfahrene hingegen muss sich durch 21 aneinander gereihte Buchstaben kämpfen. Und beide bekommen leichte Verspannungen im Handgelenk, wenn sie das Wort zehnmal aufschreiben sollen.

Unser Herr Li hat hier ebenso wie Herr Nakamura und andere Mitspieler des Linguistik-Clubs “Welt SüdOst” ein anderes System erdacht. Kaya Yanar würde es sicherlich als “Guckst Du, dann weisst Du” bezeichnen und träfe mitten in die schwarze Tinte. Nun, wenn man denn weiss, wie man gucken muss.

Die chinesischen Schriftzeichen sind von der Grundidee her weniger abstrakt als unser Alphabet, da sie Logogramme, also Wortbilder sind. Höhlenmalerei deluxe sozusagen. Im Laufe der Jahrtausende haben diese Logogramme jedoch eine ganze Reihe an Schriftreformen und optischen Vereinfachungen hinter sich. Die heute verwendeten Symboliken sind für das ungeübte Auge kaum mehr als Wortbilder zu erkennen. Natürlich liegt das auch daran, dass man die historische Genese der Kombinationslogik verschiedener Symbole nicht kennt oder nachvollziehen kann. Manches jedoch ist so bestechend einfach, dass man sich ein Schmunzeln nicht verwehren kann.

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