232 API vs. 9k

vom 18. Oktober 2009

Es gibt so Dinge, die wollen sich einem einfach nicht erschliessen. An Kurvendiskussion und Sinus/Cosinus erinnere ich mich in diesem Zusammenhang aus meiner Schulzeit. Das war einfach nicht mein Ding. Kurven fand ich klasse und drüber diskutieren war immerhin interessant, aber was unser werter Mathelehrer da vorne wollte, das passte sowenig in meinen Kopf wie das Quadrat ins Dreiecklock.

Genauso gestaltet es sich mit den Maßeinheiten für Luftqualität. API, AQI, PSI und dergleichen errechnen sich auf geheimnisvolle Weise zu gewissen Zahlen, die eine ungemein deutliche Aussagekraft haben. Nunja, wenn man sie denn versteht. Ein viertelstündiges Rumgoogeln hat mich nur wenig erleuchtet, deshalb weiss ich eigenlich nicht so recht, wovon ich hier spreche. Aber das hat mich ja noch nie aufgehalten, den Mund zu öffnen.

Jedenfalls geht es grad um die Feinstaub-Partikel PM2.5, also Teilchen, die kleiner als 2.5micrometer (ungefähr 1/30stel der Dicke eines menschlichen Haares) sind und als die aufgrund ihrer Winzigkeit schlecht gefiltert werden können. Damit dringen sie potenziell am tiefsten in den Organismus ein.

Ein strahlender TagDie Landesregierung in Peking verlautet seit ca. zwei Jahren stetig stolz, wie sehr sich die Luftqualität verbessert. Die Anzahl der ‘Blue Sky Days’ im Jahr nimmt demnach stetig zu, Smog und Schadstoffbelastung dagegen ab. Man gibt sich umwelt- und gesundheitsbewusst und tut was kann.

Ganz Peking ist bestückt mit Messstationen des roten Volkes. Ganz Peking? Nein! Ein von unbeugsamen Amerikanern bevölkertes Botschaftsgebiet hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Mit ihrer eigenen Luftmessstation funken sie stündlich Updates über die Feinstaublage ins Twitternetz und informieren auf diese Weise jeden, der alternative Quellen bevorzugt.

BeijingAirDass sich die Zahlen der beiden Quellen nur wenig ähneln, brauche ich sicherlich nicht zu sagen. Wenn sie das nicht täten, hätte es auch keinen Sinn gehabt, diese ganze Story zu erzählen. Für den heutigen Tag beispielsweise sagt die US Botschaft ein Durchschnitts-API von 232 voraus und stempelt das als ‘very unhealthy’ ab. Da noch eine Feinstaubdebatte anzustreben ist praktisch lachhaft. Eine als ‘good’ zu bezeichnende Größe API reicht bis 50. Ab 100 wirds unschön. Unser heutiges 232 ist nur knappe 70 Punkte von ‘hazardous’ entfernt. Da könnte man wahrscheinlich auch gleich direkt durch den Auspuff atmen. Zum frische Luft holen jedenfalls muss man schon nach Drinnen gehen. Empfehlung: Anstrengungen im Freien vermeiden und möglichst längeren Kontakt mit der Aussenluft meiden.

Nach diesem Ausflug in die Chemie kommen wir direkt zu dem, was den heutigen Tag besonders macht. Es ist der Tag des 11. International Beijing Marathon, ein Ereignis, an dem um die 20 Tausend Läufer auf den Straßen der Stadt unterwegs sind. Und ich mittendrin. Vielleicht hat man bereits im Vorfeld versucht, die ausländischen Läufer abzuschrecken. Die Teilnahmebeiträge für die Strecken sind nämlich äusserst rassendiskriminierend. Bei der 9km Distanz z.B. 55RMB für Chinesen und 55USD für Ausländer, was dem siebenfachen entspricht. Eine Begründung wurde dafür nicht gegeben. Ja, wir haben euch auch lieb.

Die Lautsprecher der RepublikAber wenn man schon mal dabei sein kann, ist man auch dabei. Ein enormes Ereignis, bei dem der Start direkt auf dem Tian’anmen Platz, vor der verbotenen Stadt und dem zweifelhaften Mao-Portrait stattfindet. Man stelle sich einmal vor: ein buntes Treiben mitten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, inklusive Moderation über lauter Dancefloor Musik. Diese hämmerte aus denselben Lautsprechern, aus denen zu gewisser anderer Zeit gewisse Studenten aus gewissen Gründen zum Verlassen des Platzes aufgefordert wurden, was einen gewissen Skandal nach sich zog. Nun aber schallten aus ihnen Fitness-Studio Rhythmen. Ein skurriler Moment zum Innehalten, in dem die stramm stehenden Soldaten um den Platz herum mit einem Mal wie Fremdkörper wirkten. Ein weiterer Augenblick, in dem man einfach nicht so recht weiss, wie man das bewerten soll. Obwohl ich natürlich deutlich eher für Musik als für Durchsagen stimme.

Bei der Organisation haben sie noch etwas zu lernen, so weiss man noch nicht, dass es keinen Sinn macht, das Marathonfeld vorneweg, dahinter die Halbmarathonis, die 9km und dann die 4.5km Blöcke aufzustellen. Und sie dann noch alle gleichzeitg zu starten. Da die Laufgeschwindigkeit mit abnehmender Streckenlänge umgekehrt proportional zunimmt, findet über das gesamte Feld hinweg ein Hauen und Stechen wie im alten Gallien statt. Das sorgt für genauso viele Staus auf der Strasse, wie zur Rush Hour.

Immerhin konnte ich so einen historisch faszinierenden Moment beobachten und mich ärgern, keine Kamera dabei zu haben. Am westlichen Ende der Verbotenen Stadt scherte ein Haufen Läufer über den Seitenweg aus und stellte sich der Reihe nach an der roten Mauer eben jener Verbotenen Stadt auf, um zu tun, was getan werden musste. Es kamen immer mehr hinzu und die Polizisten waren ganz offensichtlich überfordert. Sie blieben rat- und tatlos und beim ein oder anderen konnte man ein zaghaftes Lächeln sehen. Siehste, die wissen auch nicht so recht, wie sie das alles bewerten sollen. Da standen Männer aus allen Nationen nebeneinander und entwürdigten das Heiligste, was die Stadt neben dem Mao Mausoleum zu bieten hat. Aus allen Nationen. Auch Chinesen. Und die vorbeitrabende Menge der tausenden Freizeitläufer jubelte. Sie jubelte!

Um meine Faszination zu begreifen muss man verstehen, dass auf einen Ausländer im Pulk in etwa 100 Chinesen kamen. Wenn also der Turnschuh-Moloch einstimmig jubelte, tat er das zu 90% aus chinesischen Kehlen. Eine hochinteressante Situation, walzte sich doch genau an der Stelle noch vor 14 Tagen die Parade des militarisierten Nationalstolzes.

Ich hatte noch eine Weile danach mit politisch bestimmten Gedanken zu tun, da kuschelte sich plötzlich so ein Eingeborener an meinen Ellenbogen. “Was will der denn?” dachte ich noch, als ich feststellte, dass Tempo und Schrittlänge von ihm und mir übereinpassten. Wir hielten uns also an das ungeschriebene Läufer-Gesetz, in so einem Moment in Formation weiterzulaufen, weil man sich damit gegenseitig zieht und beschleunigt. Man hätte es kaum besser proben können: Ein Gleichschritt wie zur Parade, ein gemeinsames Ausweichen und Überholen wie nach Lehrbuch. Ich war überrascht und froh, so unerwartet Unterstützung zu bekommen, und es muss ein Bild für die Zeitung gewesen sein, wie wir in trauter Harmonie durch das Feld pflügten. Irgendwo im Ziel habe ich ihn dann aus den Augen verloren, aber der Kollege hat mir wieder eines gezeigt – wenn es drauf ankommt ist es doch vollkommen egal, unter welcher Fahne man agiert.

Nicht so egal ist die Sache mit der Luft, und so fühle ich mich für den Rest des Tages als Chinese, weil ich nonstop auf den Boden spucken möchte. Keuch, Räusper.

3 Kommentare

  1. Kerem meint:

    Das ding fand also tatsächlich statt.
    Bei mir im Büro wusste leider kein Li und keine Lieschen über den Marathon bescheid. Da verlies ich mich auf die Macht des Internets und recherchierte die letzte Woche. Mit wenig Erfolg. Kein Streckenkurs, keine Zeiten …
    Auf den ins englische Übersetzten Seiten fand ich dann heute morgen den Kursplan zum Download, natürlich wieder ohne Zeiten. Also machte ich mich auf den Weg ins Ziel des Marathons. Alles was ich sah: drei, vier Läufer und Arbeiter, die die Zäune abbauten. ich hatte es also um kurz nach eins zum Zapfenstreich geschafft. War ja klar.
    Ich hatte schon tolle Geschichten über (un-)organisatorisches der letzten Jahre gelesen. Hätte es gerne selber gesehen. Ich Frage mich nur, ob ich zu doof gewesen bin, es auf den englischen Seiten nicht stand oder das schweigen zur Politik gehört. Li und Lischen sollten wohl nicht informiert werden, denn Massen können gefährlich sein.

  2. admin meint:

    Der Wahnsinn hat Methode. Die Website zum Event war bis vor wenigen Wochen aus China nur über Proxyserver zu erreichen. Ansonsten dasselbe Ergebnis wie bei Facebook, Twitter und co.
    Die Startzeiten waren gut versteckt. So gut wie das Registrierungsoffice im Olympic Sports Center, das man ohne penetrantes Durchfragen niemals finden kann. Die Website ist katastrophal, keine Frage. Und bei manchen Klicks schaltet sie ungefragt auf Chinesisch um. Englisch Fehlanzeige. Das ist besonders bei den Suchfunktionen extremst nervig.
    Der Startschuss für alle Streckenlängen war 8:15, und der Kurs war unerwartet gut besucht. Klar – Gucken vom Rand der Strecke ist ja umsonst, da kommen sie schon mal zum Schauen und Spucken. Dennoch – in Europa hat man ausserhalb von Hamburg und Köln deutlich weniger Zaungäste. Insofern also ein motivierendes Erlebnis. Im Sommer gibt es noch den Great Wall Marathon, bei dem es ähnlich schwierig ist, sich zu registrieren, weshalb ich dort nicht am Start sein konnte. Aber die Kulisse wäre sicherlich grandios.

  3. Suddenly Beijing » Blog Archiv » Am Anschlag meint:

    [...] Völlig ohne es zu merken. Denn wenn man seinen Blick vom Fenster löste, um die gemeldete Zahl der einzigen unabhängigen Luftmesstation Pekings zu betrachten, sah man [...]

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