Sep 3

Seit drei Wochen passiert was. Und zwar an meinem Lieblingstum, dem Guomao Tower 3, von dem hier schon öfters die Rede war. Mittlerweile sind alle Bauzäune ab, umzingeln Bäume und Laternen den 500m Gigant und allabendlich darf man den in Licht gewordenen Gedanken eines LSD-Anhängers folgen.

Das größte Testbild der Welt möchte man meinen. Rhythmisch zucken Farbflächen und – zeilen über die endlosen Reihen der Stockwerke und hinterlassen Musterspuren, die zu spektral sind, um Absicht sein zu können. Dazu flitzt unablässig die ein oder andere ‘Fensterputzergondel’ mit Lampenschraubsachverständigen an der Front umher.

Abertausende dieser kleinen LEDs müssen es sein, die in bis zu acht Farben später wohl mal komplett um den Turm herumreichen. Erinnern wir uns jetzt noch an die bombastische Batman-Mond-Beleuchtungsmaschinerie, die im Kopfteil lauert, und schon ist der Brand des Oriental Mandarin Gebäudes neben dem neuen CCTV erklärt – nix Feuerwerk. Dort war das Atomkraftwerk untergebracht, das Freund Lichtorgel für den Strom braucht. Und das ist beim ersten Einschalten wohl gleich abgeraucht. Dabei sind noch nicht einmal Mieter in die unzähligen Stockwerke eingezogen. Diese haben erfahrungsgemäß Computer, Drucker, Schreibtischlampen, Wasserkocher….

Test Test am Guomao Tower 3Guomao Tower 3 gets ready

Mein persönlicher Verdacht: man rüstet sich für die in vier Wochen stattfindende 60-Jahrfeier, um den Koloss dann farbenprächtig (die vorherrschende Couleur können wir uns denken) mit Spektakel endlich zu eröffnen.

Nicht nur die Polizeipräsenz hat seit Sommerbeginn wöchentlich zugenommen, mittlerweile sperrt man auch schon am Wochenende die Chang’an Street, um sich neben den tausenden dafür gepflanzten Blumenmustern ganz dem leidenschaftlichen Militärmarsch-Testen hinzugeben. Der Rest Welt soll schließlich erstaunen, ob der Leistung der Arbeitergesellschaft.

Milimetergenau werden sich Massen an Soldaten, einem Computerprogramm gleich bewegen und dort vor der verbotenen Stadt entlang schreiten, wo Mao am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik ausrief. Ach, Herr Li, … Du hast noch so viel zu lernen über diesen Rest der Welt und was man dort für respektabel empfindet. Aber mach Du mal. Und eins und zwei…

Apr 26

Ja, nein, doch, nee, jetzt wieder und futsch. So oder so ähnlich könnte man den geschichtlichen Ablauf des Namenszusatzes ‘Hauptstadt’ für die Stadt Xi’an beschreiben.

Man ist halt sehr entscheidungsfreudig.  Immer wieder. Und nicht jeder Kaiser ist mit der Auffassung seines Vorgängers einer Meinung. (man kennt das ja von SPD und CDU).

In den historischen 5 Minuten, die Xi’an jetzt gerade mal nicht Hauptstadt ist, waren zwei Reiselustige vor Ort, schwer bewaffnet mit Stativ und Kamera. Von den verbuddelten eintönigen Kriegern haben wir an dieser Stelle ja bereits gelesen und so soll es jetzt einmal um den Rest der Stadt gehen.

Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt macht sich per Nackenhaar-La Ola Welle das Gefühl von ‘weig weg’ breit. So muss Novosibirsk aussehen. Die Taxameter-Kutsche passiert reihenweise verlassene und verfallene Industriegebiete, die aus einer Mad Max Kulisse zu stammen scheinen. Über allem liegt eine dicke Schicht Staub und Sand. Endzeit.

Xi'an StadtmauerAls die ersten Ausläufer der Stadt beginnen, ändert sich nur die Fülle auf der Straße. Die Umgebung behält ihre Unnatürlichkeit, nun im Austausch mit verfallenen Bürohochhäusern. Zwischen diesen Billboards mit quadratmetergroßen Beautyshots der neuesten 911er und S-Klasse Modelle. Ach ja, in Xi’an soll angeblich viel Geld zu machen sein. Abgesehen von den Plakaten deutet wirklich rein gar nichts darauf hin.

Wir erreichen das Westtor der alten Stadtmauer und mit einem Mal ändert sich alles. Hinter dem 12m Ungetüm (der Chinese liebt  Mauern über alles so scheints) wird alles besser. Zwar ist es noch immer weit von der Modernität Pekings oder gar Shanghais entfernt, aber der Begriff Zivilisation lässt sich hier eindeutig ungestraft verwenden.

Xi'an Große WildganspagodeWir machen uns auf den Weg die Stadt zu entdecken. Auf die Mauer rauf, kulinarisch das muslimische Viertel erfuttern, eine Antiquitätenstrasse bebummeln und die große Wildganspagode besuchen. All das ist in der Fotogalerie zu bewundern.

Es gäbe noch viel mehr, aber dafür reichen drei Tage nicht. Es ist doch spürbar, dass so eine alte Hauptstadt eine ganze Menge Kultur anhäuft, wenn sie die 1000 Jahre Existenz überschreitet. Und doch ist vieles noch so ursprünglich geblieben, wie es vor langer Zeit einmal gewesen sein muss.

Eine rauhe Stadt ist es, die daran erinnert, dass der Großteil Chinas relativ arm ist. Und eine Stadt mit der größten Dichte an Wedding-Shops, die ich je gesehen habe. Wirklich schick ist sie nicht. Andererseits aber auch nicht wirklich hässlich. Alles in allem lohnt sie sich. Zumindest wenn man mal in der Nähe ist.

Die deutsche Partnerstadt von Xi’an ist übrigens Dortmund. Als verwöhnter Hamburger kann ich da in der Tat einige optische Verwandtschaften erkennen.

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Jan 16

‘Schönheit macht einsam’. Über diesen Satz mag man denken, wie es beliebt. Im Westen von Peking, nur unweit von Maos wachsamen Bildnisaugen steht jedoch (noch) ein steingewordenes Bildnis für diesen Satz. Die Qianmen Dajie (Ssianmän Dadschiä) ist die südgerichtete Verlängerung des Platzes des Himmlischen Friedens. Eine Einkaufsstrasse von nahezu einem Kilometer Länge, die ihre Karriere als Handelsplatz bereits 1206 zur Zeit der Yuan Dynastie begann.

Seit 2002 war man in Peking klöppelnderweise damit bemüht, die ansässigen Fassaden in den Zustand der 1920er Jahre zu bringen und hat dies rechtzeitg zu den olympischen Spielen im letzen Jahr fertig bekommen. Dicht gedrängt stehen sie nun da, die Perlen aus vergangenen Tagen. Blitzend und glänzend, praktisch staublos und gekrönt von einer historisch anmutenden Straßenbahn. Ein Fest für jeden Architekturinteressierten.

Einziger Haken: Die Preise sind so horrende, dass sich bislang kaum Mieter für die Räumlichkeiten gefunden haben. Hauptsächlich einige wenige Restaurants mühen sich um Kundschaft. All zu groß dürften diese Mühen jedoch nicht sein, denn trotz der mageren Geschäftsdichte, drängen sich die Menschen zuhauf durch diese hohle Gasse. Sie liegt nun einmal strategisch günstig wie keine zweite. So dürfte es dann auch nicht mehr all zu lange dauern, bis dieAuslagen gefüllt sind und der Yuan rollt, immerhin ist sie als Konkurrenz für die berühmte Wanfujing ausgelegt, die jedes Jahr Millionen über Millionen an Menschen bedient.

An Stimmung jedenfalls ist diese Straße kaum zu überbieten, wenngleich sie ein wenig Erinnerungen an die Main Street der diversen Disneyland Parks erinnert.

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Dez 26

Dass man in Peking den Größten hat, wissen wir ja bereits. Und was in die Breite geht, kann man auch in die Höhe treiben. Unser aller Lieblingsklotz von Nebenan, der direkt aus New York importierte World Trade Center Turm Nummer drei macht nun auch noch bei Nacht auf unheimliche Art und Weise auf die Verwandschaft zu Ground Zero aufmerksam.

Mit schlappen über den Daumen geschätzten 465 Trilliarden Watt funzelt er gen Himmel und betätigt sich als Taschenlampe Nümero Uno. Nena und Markus wären begeistert. Die Buchhalter des Atomkraftwerks vor den Stadttoren sind es sicher auch.

Aber welchem Zweck dient die Lichtflut der Flutlichter? Wozu diese fünfte Adventskerze? Patrik und Hell Dlalle haben dazu nach Rücksprache mit Herrn Li folgende zweifellos erleuchtende Erklärung aus dem Sicherungskasten hervorgezogen:

Hier sehen wir das Anpeilen des Landeplatzes für den ersten chinesischen Mondflug. Ganz klar! Wir waren angesichts der erleuchtenden Erkenntnis ein wenig verstrahlt und haben weiterhin vermutet, dass sich im Inneren des Turms auch gleich die Rakete bedindet, deren Halterung das sich ausklappende CCTV Gebäude gegenüber sein wird. Aber da dürfte der Schein wohl etwas trügen und wohl doch der zweiten Flasche Shiraz zuzuschreiben sein, die sich nach dem 4. Gang leer auf unserer Weihnachtstafel anfand.

Dez 14

Paule, was haste denn da gelegt? So oder so ähnlich hat man Monsieur Andreus Werk bei der Eröffnung der neuen Chinesischen Staatsoper kritisiert. Nicht chinesisch genug sei sein Entwurf. Und das, wo er nur einen Steinwurf vom Tian’anmen Platz entfernt steht. Frechheit! Nach fünf Jahren Bauzeit und einem ganzen Haufen Glas und Titanium stand der neue Hörsaal für 2.416 Opernbegeisterte nun also so da rum und erntete westliches Lob und östliches Unverständnis.

Wenn man den musikalischen Gugelhupf so umrundet und ihn im Gesamtzusammenhang mit der teils klassisch chinesisch, teils solzialistisch geprägten Stilumgebung betrachtet, fragt man sich in der Tat, ob das ein Ufo, ein Weltraumpickel oder ein Riesenhaufen Wackelpudding ist. Der Gestaltungsbruch ist in etwa mit dem des Louvre zu vergleichen.

Bei den sich ergebenden Fotomotiven muss man jedoch nach ein, zwei Umrundungen der Schüssel gestehen, dass Herr Andreu nicht vollkommen ins Nippelnirvana abgeglitten sein dürfte. Die von Wasser umringte fließende Form drängt sich weniger auf, als gedacht und verströmt weitaus mehr Emotionen, als Form- und Materialwahl vermuten lassen. Zwar läßt der Bau tatsächlich jede Anlehnung an asiatische Baukunst vermissen, bleibt sich selbst aber gerade aus diesem Grund sehr treu und verkörpert so auf gewisse Weise genau das, was Oper selbst auch ist: Kunst.

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Okt 31

Es gibt unzählige — hohe Häuser und die Momente, in denen man sie plattfotografieren möchte. Peking hat schätzungsweise (nicht repräsentativ) 2.500 davon, Hamburg vielleicht sieben.

Ein ‘kleines’ New York, ein Anflug Kuala Lumpur, die Prise London, garniert mit Hong Kong und alles durch den Drehwolf des Wahnsinns namens Selbstverwirklichung gedreht. Wer die sichtbare Profilierung von Architekten schätzt, wird hier lange glücklich.

Und so ist nicht allein die Tatsache, dass unser Büro direkt neben dem größten Turm dieser Stadt steht dafür verantwortlich, dass sich mein Objektiv gerne und oft gen Himmel richtet. Wenn das Wetter mitspielt und die Sonne richtig steht, offenbart sich manch interessantes Spiegelkabinett.

Leider nur treffen Wetter, Licht und freie Zeit recht selten aufeinander. Hier dennoch eine winzige Auswahl baulicher Impressionen, die sicherlich über die kommende Zeit forgeführt werden will. Nicht alle Bilder sind wirklich sehenswert, aber alle vermitteln ein gutes Bild davon, wie sich Peking dem Betrachter präsentiert.

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Okt 27

 

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Sie sind ausgeflogen, Olympia ist vorbei. Und zurück bleibt das leere Nest. So zumindest dachten wir, als Hannes und ich aus der U-Bahn stiegen, um den stahlgewordenen Geist der Spiele zu besichtigen. Nicht gerechnet haben wir mit Chinas Nationalgericht: dem Pustekuchen.

Zusammen mit 832.024 anderen Menschen stapften wir dann also zwischen den Stadien umher, als wäre das Spektakel noch in vollem Gange. Und irgendwie war es das auch, wenn man sich die fotografierenden Massen so ansah. Inklusive olympischer Demo übrigens, die ich mir dann doch einfach nicht verkneifen konnte.

Fazit des Besuchs: Beeindruckende Anlage, leider jedoch mit einer gewissen emotionalen Kälte und formaler Arroganz. Leider war der gesamte Kerzenhalter für das olympische Feuer schon abgebau, so dass das Vogelnest an sich nurmehr eben halt das war, was es ist: Ein Sportstadion.

Okt 22

Zarten Gemütern sei gesagt, dass dieser Beitrag keinesfalls respektlos gemeint ist: Der 11. September war eine große Lüge. Ein Fernsehschauspiel von der Qualtiät der Mondlandung oder des Kennedy-Attentats. 

Wie ich darauf komme? Weil sie die Türme einfach abgebaut und nach China verfrachtet haben. Zumindest einer der Türme steht hier direkt nebenan als Turm 3 des China World Trade Centers. Also nicht einmal beim Namen haben sie sich nennenswerte Mühe gegeben.

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Der Turm 3 im (angeblichen) Bau dokumentiert von Dutch Tom auf Flickr.

Okt 16

Da man hier ja nicht draussen laufen kann, bin ich gestern Abend mit Meike und Kuo-Hi zu California Fitness gegangen, um mich anzumelden. Der Club ist direkt in The Place, einer sehr großen westlich orientierten Shopping Mall hier um die Ecke. Und als wir um dieselbe bogen, habe ich ihn gesehen: den größten Plasmascreen der Welt. Selbst Scotty wäre beeindruckt.

Auf das Bild klicken, um das Video von gestern zu sehen.

Okt 14

Wer sagt’s denn – gleich einen Tag später zeigt das Wetter, was es kann.

Für deutsche Verhältnisse ist das ganze sicherlich noch immer strafbar, aber der Blick aus meinem Bürofenster zeigt eindeutig mehr Weite als gestern, was optimistisch stimmt.

Allerdings täuschen die Bilder über die Tatsache hinweg, dass sich auch an so einem Tag nach wenigen  Stunden dieses Gefühl im Mundraum bildet, dass man in der Nähe einer Baustelle hat, wo sich Staub, Beton und noch so Allerlei in der Luft befindet.

Ich bin, nebenbei erwähnt, der hiesigen Apple-Niederlassung sehr dankbar, dass sie mir ein iPod nano BlowUp Plakat vor die Nase gehängt haben. Ein Stück Zuhause, möchte ich meinen….