Mär 31

Hallo und herzlich Willkommen zum zweiten Teil unseres Kurses ‘Wie werde ich ein waschechter Chinese’. Im Verlaufe dieser mehrteiligen Informationsveranstaltung möchten wir Ihnen den Habitus des Mittelreichbewohners nahebringen, um Sie für Ihren Erstbesuch diesseits der Erdkugel zu rüsten und Ihr Auftreten an die lokalen Gepflogenheiten anzupassen.

Unser heutiges Thema: Korrektes Fahrstuhlfahren

‘Ping’ und die Tür geht auf. Aus dem Fahrstuhl mitten in der hamburger Innenstadt steigen zwei Personen aus und gehen zielstrebig ihres Weges. Die davor wartenden 3 Passanten steigen der Reihe nach in die Kabine, drücken den jeweiligen Etagenknopf und stellen sich möglichst weit voneinander auf. Einer der Wartenden geht etwas verzögert hinterher. Er beendet noch schnell einen Telefonanruf mit den Worten ‘Ich muss jetzt schnell in den Fahrstuhl und ruf Dich danach zurück’. Nachdem er an Bord ist, geht 5 Sekunden später die Tür zu und die Gondel nimmt Fahrt auf. Alltag in Deutschland.13 und 14 ?

Richten wir nun den Blick auf den uns allmählich vertrauter werdenden Erdabschnitt. Nach dem bekannten ‘Ping’ passiert zunächst einmal gar nichts. Diese Geisterpings sind normal und man sollte sich besser auf die Stockwerkanzeigen neben der Tür verlassen. Selbst wenn diese nicht immer die korrekte Richtung anzeigen, stimmt zumindest die Stockwerknummer. Wobei, auch das nur bedingt. Zum einen gilt hier das amerikanische Modell, indem das Erdgeschoss als 1 verstanden wird. Und zum anderen existieren für gewöhnlich die Stockwerke 3 und 4 nicht. 13,14 und 23,24 oftmals ebenfalls nicht. Das wird zur Freude der Übersichtlichkeit jedoch überall anders gehandhabt. Ein 40 Stock hohes Haus ist jedenfalls auch schnell mal in Wirklichkeit knapp 10 Stockwerke kürzer. Aber sonst wärs ja auch langweilig.

Szenario 1: Nach einigen weiteren Geisterpings öffnen sich die Türen des Fahrstuhls und die darin befindlichen 9 Personen versuchen verzweifelt entgegen den hereinströmenden Massen die Kabine zu verlassen, was meist mit nur wenigen Blessuren geschafft ist. Die nun hineingedrängten 12 Passanten sind nicht etwa die ersten, die vor den geschlossenen Türen gewartet haben. Die Auswahl entspricht auch keiner anderen Ordnung, sondern entsprigt einzig und allein der Fähigkeit zur schnellen Reaktion und dem Talent, sich vor andere Wartende zu quetschen. Auf dem Weg nach Oben hält der Fahrstuhl noch zweimal und obwohl die letzten bereits bis ganz vorne stehen, drängen sich insgesamt noch drei Personen hinein, zur Not mit Schwung. Wenn man jetzt hinten steht und einen Kaffeebecher in der Hand hat, hilft nur noch die alte Festzelt-Nummer: ab über den Kopf damit. Den eigenen Stockwerkknopf konnte man in der Kabinenfüllzeit von 3 Sekunden nicht drücken und muss so hoffen, dass genügend Menschen vor dem eigenen Stockwerk aussteigen, damit man noch rechtzeitig an die Taste kommt. Was auch hilft, ist ein beherzter Ruf: “Schrr-Arr”, was soviel wie ‘12′ bedeutet. Leider hat man dann 14 Augenpaare auf sich gerichtet, nicht selten mit Unverständnis im Blick. Denn was aus dem Mund des Wai-goren, also des Fremden, kommt, kann nur Fremdisch sein, nicht aber Chinesisch. Guten Morgen China.

Szenario 2:  Eine Stunde früher als sonst schreitet der Wai-goren auf den Fahrstuhl zu. Die Fläche davor ist einsam und verlassen. Die meisten Menschen befinden sich noch auf dem BusBahnTaxi-Weg zum Büro. Die Fahrstuhltür steht offen, nur eine Person ist darin. Ein Chinese. Er bickt den Wai-goren an, während die Türen zugleiten. ‘Kann der nicht grad mal auf den Öffner drücken?’ denkt sich der Fremdling und hechtet nach vorn, klemmt einen Fuss zwischen die Türen. Beim Einsteigen wird klar, dass der gute Herr Li sehr wohl auf den Knopf gedrückt hat. Allerdings nicht auf den Öffner, sondern auf die ‘Türen schliessen’ Variante. Diesen bearbeitet er jetzt wieder und ist dabei sichtlich frustriert, dass es dieser nervige Wai-goren doch noch geschafft hat. Von peinlicher Berührtheit ob des Tastendrucks keine Spur. Im Gegenteil.Close it!

Was lässt sich aus diesen beiden Szenarien nun ableiten? Zum einen: Sollten Sie in der Nähe des Knopfpanels stehen, drücken Sie bitte immerzu den ‘Schliessenknopf’, sobald sich die Türen geöffnet haben. Bei jedem Stockwerk. Weniger als sechmaliges Dauerfeuern des Knopfes gilt als keinmal und vergeudet die kostbare Zeit der Mitreisenden. Öffnen Sie die Tür für niemanden und warten Sie nicht, bis Sie an der Reihe sind. Sonst kommt die Kabine zum einen niemals in Fahrt und Sie zum anderen niemals in dieselbe hinein.

Wenn Sie Telefonate zu erledigen haben, warten Sie bitte, bis Sie IN dem Fahrstuhl stehen und führen Sie diese dann lautstark, da die Verbindung durch die Metallummantelung oftmals schlecht ist. Stören Sie sich nicht daran, wenn bereits zwei andere Passanten telefonieren. Sie werden lernen, dagegen an zu brüllen. Das gleiche gilt für transportable Spielekonsolen, Gameboys, iPhones und sonstiges Entertainment Zubehör. Die Lautstärke lässt sich immer noch ein wenig nach Oben drehen. So vergehen die endlos langen 15 Sekunden bis zum Ziel angenehmer.

Und niemals, wirklich niemals das Drücken des Türschliessers vergessen.

Jan 9

Hallo und herzlich Willkommen zum zweiten Teil unseres Kurses ‘Wie werde ich ein waschechter Chinese’. Im Verlaufe dieser mehrteiligen Informationsveranstaltung möchten wir Ihnen den Habitus des Mittelreichbewohners nahebringen, um Sie für Ihren Erstbesuch diesseits der Erdkugel zu rüsten und Ihr Auftreten an die lokalen Gepflogenheiten anzupassen. 

Unser heutiges Thema: Die Rangfolge im Verkehr. Abschnitt Eins: Der Fussgänger.

Sie kennen das sicher: Mitten im dichtesten Berufsverkehr ist ausgerechnet die Ampel an der größten Kreuzung ausgefallen. Vorsichtig robben Sie sich an den Kreuzungsbereich heran. Wer darf nun zuerst fahren? Die Autos auf der am stärksten befahrenen Straße, die bereits halb auf der Kreuzung befindlichen Radfahrer, die verstreut umher wuselnden Fußgänger oder doch der Bus des örtlichen Verkehrsverbundes?

In Deutschland gibt es da eine recht diffuse Regelung, die eine leichte Rechtslastigkeit aufweist und dann aber doch den Fußgänger irgendwie vorgehen lässt und oftmals keiner so recht weiss, was zu tun ist. Weil nun alles und jeder recht zögerlich agiert, ist eine entampelte Kreuzung der Infarkt für jeden Berufsverkehr.

Lernen wir also wieder einmal von unseren indirekten Nachbarn der Lebenskunst. Diese lösen das Problem ganzheitlich mit einer über die Jahrtausende erprobten Systematik mit dem Namen “Der Dicke darf zuerst”. Diese besagt, dass grundsätzlich derjenige die freie Auswahl hat, der alle anderen plattmachen kann. Also fährt zuerst der 12Tonner, dann der Kipplaster, danach der Bus, anschliessend der Lieferwagen, gefolgt vom Pkw und dem Pferdegespannt, direkt daran das Motorrad, hinter dem das Lastenfahrrad lauert und schlussendlich der Fussgänger. Damit sind keine Verzögerungen zu erwarten und der Verkehrsfluss bleibt ungetrübt.

Für Fussgänger besonders wichtig zu beachten ist die Tatsache, dass Zebrastreifen lediglich farbliche Auflockerungen des grauen Asphalts darstellen und Grünphasen der Ampeln nur signalisieren, dass man sich einer gewissen Umweltproblematik bewusst ist, derer man mit der Rotphase Einhalt gebieten möchte.

Sobald Sie also die asphaltierte Kampfzone betreten, um auf die signalgrüne andere Strassenseite zu gelangen, bewundern Sie bitte ausgiebig die weiterhin unablässig Ihren Fussweg kreuzenden Abbieger. Diese bemühen sich in der Regel redlich, Ihnen die Kunst des 60km/h-ohne-Platz-Fahrens zu demonstrieren und kündigen Ihre Fertigkeiten durch lautes Hupen ab 100m vor Kreuzungsbereich an. Dieses stellt eine beachtliche Leistung dar, die nur durch jahrelanges Nichttrainieren des Kraftwagenlenkens zu erreichen ist und in China als Teil gesellschaftlichen Status gesehen wird.

Honorieren Sie das beeindruckende Schauspiel mit einem Torrero-gleichen Sprung aus der Zielzone. Der Fahrer des Wagens wird Ihnen seinerseits durch das völlige Fehlen jeglicher Tempowegnahme ausreichend Gelegenheit geben, diesem Sprung die entsprechende Dramaturgie zu verleihen. Daraufhin können Sie beide glücklich und zufrieden über die jeweilige Darstellkunst und dem gelungenen Teamwork Ihren weiteren Tagesablauf bestreiten.

Dez 8

Hallo und herzlich Willkommen zum ersten Teil unseres Kurses ‘Wie werde ich ein waschechter Chinese’. Im Verlaufe dieser mehrteiligen Informationsveranstaltung möchten wir Ihnen den Habitus des Mittelreichbewohners nahebringen, um Sie für Ihren Erstbesuch diesseits der Erdkugel zu rüsten und Ihr Auftreten an die lokalen Gepflogenheiten anzupassen.

Unser heutiges Thema: Der korrekte Gruß im öffentlichen Raum.

Höflichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme sind unverzichtbare Attribute für ein gesellschaftlich akzeptables Miteinander. Auch im gelben Land mit der roten Fahne wird viel Wert auf eben diese Tugenden gelegt. Die Wertschätzung völlig fremder Mitmenschen erreicht hier für westliche Maßstäbe unbekannte Höhen. Vergessen Sie das Überdecken kleiner Pfützen oder schmutziger Straßenabschnitte mit ihrem Mantel. In China belächelt man derart gutgemeintes Kavaliersverhalten. Hier geht man so weit, den Boden vor Ihnen rein zu waschen. Man möchte Ihnen damit die Stadt zu Füßen legen und wird es Ihnen hoch anrechnen, wenn Sie mit gleicher Münze zurückzahlen. Und das machen Sie wie folgt:

Keine Angst, Sie müssen nicht mit einem Schrubber und einem Eimer Wasser umher wandern. Ähnlich wie in westlichen Kulturkreisen das ‘Küss die Hand’ oder das Ziehen des Hutes zur leichten Andeutung stilisiert wurde, deuten Sie Ihr wohlerzogenes ‘Ich wasche den Boden rein vor Ihnen’ lediglich als simple Höflichkeitsgeste an. Sie schmettern einfach einen möglichst großen Rotzfladen direkt vor die Füße der zu komplimentierenden Person. Hocherfreut wird er seinerseits der Tradition folgen und über den von Ihnen ausgebrachten Gruß steigen, wobei er Sie still und leise für ausgesprochen umgänglich halten wird. Insbesondere, da Sie aus einer fremden, in dieser Hinsicht als unflätig betrachteten Hemisphäre stammen.

Vor Würdenträgern, hochgestellten Persönlichkeiten oder schlicht von Ihnen hochgeschätzten Personen können Sie dieser Geste noch zusätzlich Ausdruck verleihen, indem sie die ‘Materialsammlung’ zu dieser Handlung so geräuschvoll wie möglich gestalten. Geben Sie den Anschein, als müssten Sie Ihre Freundlichkeit beinahe aus den Tiefen Ihrer Fußspitzen zu Tage fördern. Dies entspricht im maoistischen Kulturkreis in etwa unserem ‘Das letzte Hemd geben’. Beachten Sie dabei jedoch die wichtige 5 Sekunden Max-Regel (5smr). Ein durchgängiger Sammelton sollte nach Möglichkeit nicht länger dauern, darf dann jedoch bis zu dreimal wiederholt werden, sollte sich noch keine ausreichende Höflichkeit angesammelt haben. Ein Überschreiten der 5smr wird in der Regel als Heuchelei ausgelegt.

Kennen Sie die Person bereits sehr lange oder möchten Sie sich aufgrund des Umfelds einer legeren Variante bedienen, können sie die Kurzform wählen. Dabei kreuzen Sie den Weg der zu bedenkenden Person und stoßen auf ihrer Augenhöhe einen mittellauten Rülpser aus. Sind Sie jedoch unsicher und fühlen sich auf dem fremden Kniggeparkett noch nicht wohl, binden Sie sich einfach eine OP-Maske um. Dies signalisiert ‘Ich bin mir der fremden Gepflogenheiten bewusst, möchte jedoch keinen Fauxpas begehen und enthalte mich als stiller Beobachter’. Diese Entscheidung wird gemeinhin zumindest außerhalb von Gebäuden akzeptiert und schützt Sie zugleich noch vor Smog und Kälte.

Ja, sie haben ein ausgeklügeltes System, unsere fremden Freunde. Wir können viel von ihnen lernen.