Dez 15

Ach, Du mein lieber Herr Li. Es ist einmal wieder besonders Herr-Li-ch, was Du Dir so für das größte Fest westreligiöser Konsumfreude ausdenkst. Bereits Ende Oktober haben wir Verständnis mit Deinen eifrigen Aufrüst-Versuchen gezeigt. Nun aber betritt Dein Unbegreifen gar picassoistisches Terrain.

Weihnachtsbaum AEZ HamburgAuch im amerikanisch beeinflussten Deutschland gewöhnen wir uns immer mal wieder daran, dass ein Weihnachtsbaum zum Kegel stilisiert wird. Das ist praktisch, weil industriell einfacher produzierbar. Und wenn man ihn dann voller Glitter hängt, merkt fast niemand, dass dem falschen Fuffziger die Hüfte fehlt. Geblinke lenkt halt ab.

Zum Beispiel hier ein Bild aus meinem liebsten deutschen Konsumtempel, dem AEZ in Hamburg. Ein bisschen Gold, ein wenig Rot und alles geschmackvoll verteilt – so kann man damit durch kommen. Selbst die Kegelform ist nicht allzu stark übertrieben und lässt noch so manch Perfektionslosigkeit erkennen. Frei nach Stenkelfeld ist das sicherlich beabsichtigt: Da weiss der geneigte Kunde gleich “Aha – der sieht oben so krumm aus, der muss echt sein und is bestimmt von greisen Norwegern mit viel Liebe ein Leben lang aufgezogen, im Zuge eines feierlichen Dorf-Festes als schönster Baum gekürt, umgesägt und dann direkt hierhin verbracht worden, damit wir uns den jetzt zwei Wochen lang angucken können”.

Der aufmerksame Betrachter erkennt zweifellos auch die umherfliegenden besinnlichen Sterne an der Decke und noch so manch anderes dunkelgrünes und dunkelrotes Zeugnis, dass man sich nun in der Adventszeit befindet.

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Dez 9

Wenn Herr Müller eine Party gab, hat er früher immer eine eine Karte gemalt, damit Herr Meier und Herr Schultze auch wussten, wo sie hin mussten.
Das war sehr hilfreich.

Nur war die Karte nach einiger Zeit und unzähligen Durchläufen auf dem Kopierer etwas schwer lesbar. Dann mussten Herr Meier und Herr Schultze manchmal anhalten und jemanden fragen.

Müller Junior hat es da heute etwas einfacher. Wenn seine Eltern mal auf einem Kegelausflug sind, schickt er einfach fix einen Link per Google Maps und die Fräuleins Meier und Schultze wissen genau, wo er wohnt. Keine Fragen offen.

Der Segen des Internets liegt für viele in den bestechend einfach zu bedienenden Karten-Applikationen von Google, Microsoft und dergleichen. Auf der Karte suchen, im Satellitenmodus kurz die Optik checken, alles ausdrucken und ab geht’s. Mann kann sich sehr schnell dran gewöhnen.

Bis, ja bis man in China ankommt. Für den nicht der Landessprache mächtigen ergibt sich ein bunter Strauss Probleme, von deren Existenz er nicht einmal zu Albträumen gewagt hat.

nanluoguxiangEin klassischer Fall: Man bekommt noch in Deutschland die Adresse des Büros in Peking geschickt: 南锣鼓巷8号.
Der eigene Rechner vermisst dummerweise den chinesischen Zeichensatz, so dass man nur kleine Quadrate sieht. Wahlweise auch viele Fragezeichen. [wenn dort oben keine chinesisch aussehende Adresse zu lesen steht, ist genau das auf dem PC des geneigten Lesers der Fall]. Man fragt nach und bekommt die Adresse nocheinmal, diesmal in Pinyin Schreibweise, also mit für westliche Augen lesbaren Buchstaben: 8nanluoguxiang.

Chinesiche Wörter werden ohne Leerzeichen aneinander gereiht. Die Dame im Pekinger Büro klatscht also alles zusammen, wie sie es gewohnt ist. Groß- und Kleinbuchstaben gibt es bei ihr ja auch nicht.
Man wundert sich,wie lang der Strassenname ist und ob das ein einziges Wort sei, kopiert ihn aber geschwind in Google Maps. Dort findet man prompt…nichts. “No results found” heisst es und das war’s.
Also wieder Rückfrage im chinesischen Büro. Können die denn ihre eigene Adresse nicht?

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Nov 17

“Ich weiss gar nicht, wie die das machen – das Essen hier ist total ölig und fett. Trotzdem sind alle so unglaublich schlank”.

Abwarten und Tee trinken hilftDiesen Satz habe ich schon öfters gehört und selbst auch nie so wirklich eine Antwort gefunden. Ein Teil der Antwort mag sicher sein, dass sie sich mehr bewegen. Ein anderer, dass sie mehr selber kochen und das aus frischen Zutaten und wenig Fleisch. Süssigkeiten spielen fast keine Rolle, vor allem Schokolade nicht. Aber bei den täglich vollen Restaurants kann all das noch nicht ausreichend erklären, weshalb ein großer Teil der Bevölkerung derart viel schlanker ist, als der durchschnittliche Europäer.

Dank der intensiven Recherche von Ninik und Ferdi sind wir des Rätsels Lösung nun aber auf der Spur. Es scheint, als läge die Antwort im Abwarten und Tee trinken. Zumindest wenn letzteres ein grüner ist.

Grüner Tee ist offensichtlich nicht nur gut gegen Krebs, baut Cholesterin ab und schützt vor Herzerkrankungen. Er kurbelt den allgemeinen Kalorienverbrauch an und verhindert, dass der Körper die unerwünschten Fettmoleküle aus dem Essen aufnimmt und einlagert. Diese machen also sozusagen einen auf Umsatzsteuer und bilden im Körper einen durchlaufenden Posten. Im wörtlichen Sinne.

Grüner Tee und Sojabohnen

Wem das schon bekannt war, dem ist aber vielleicht folgendes neu: Wenn man neben dem grünen Tee auch noch Sojaprodukte in seine Ernährung einbaut, ist einem zusätzlich eine Portion Collagen für Haut, Haare und Nägel gewiss und zwar ganz ohne Einspritzen. Das macht jünger und schöner und ist für ziemlich wenig Geld zu haben.

Wenn man das weiss, wird einem hier zulande so manches klar. Einen McBohne und einen Green Tea Shake bitte!

Nov 6

“Und was wollen Sie jetzt damit erreichen”?

Frau Müller (Name von der Redaktion geändert) blickt prüfend mit leicht forderndem Blick durch die verwinkelte Glasscheibe, die ihrem Gesicht einen grünlichen Ton verleiht. Ein wenig kalt ist es im Konsular-Zimmer 10 der deutschen Botschaft. Der kühle Lufthauch der Autorität.

Das offizielle Schriftstück des Einwohnermeldeamtes Hamburg Wandsbek hängt wie eine stinkende Makrele zwischen Frau Müllers spitzen Fingern. ABMELDEBESCHEINIGUNG steht am oberen Rand. 24 Punkt Versalien, Courier New Regular Schriftschnitt. Hübsch ist das nicht, aber immerhin so deutlich lesbar, als wäre es die Schlagzeile der BILD. Wie zum Nachdruck hält Frau Müller das A4 Blatt nach Deutscher Industrie Norm hoch, damit der Bittsteller auf der falschen Seite des Schalters auch ganz sicher weiss, um was sich die Frage dreht.

Weggestempelt und verzogen“Ich möchte nur meiner Pflicht genüge tun”. erwidert dieser und ist ein wenig verwirrt. Aber etwas in der nach verstaubten Akten klingenden Formulierung scheint zu Frau Müller durchzudringen und ihr Ablageherz zu berühren. Ihr Mund strebt die Form eines stilisierten Paragraphenschlüssels an: “Na, dem wollen wir uns natürlich nicht entgegenstellen”. Sprachs leicht schnippisch und verschwand in den tiefen Tunneln der Gesetzgebung.

Dummer Spruch, dumme Antwort. Und diesmal hat’s sogar was geholfen. Nach klassischen deutschen 7 Minuten, die ein ordentliches Bier benötigt ist sie wieder zurück. Ohne Schriftstück aus der Hansestadt, dafür mit einem neu verstempelten Pass: “Wohnort amtlich geändert in Peking / VR China” – Zack, Ummeldung erledigt.

Da hätte man sich die 5min Diskussion im Vorfeld auch sparen können. Die Kollegin in Hamburg hatte gesagt, ich müsse das hier vorzeigen, um offiziell gemeldet zu sein. Dass Frau Müller das nun nicht sonderlich gut in den Kram passt tut mir ja auch irgendwie leid, aber Ordnung muss sein. Insbesondere in Amtsangelegenheiten.

Mir war es natürlich nicht neu, dass ich in Peking wohne. Dennoch fällt einem erstmal eine der genormten Schrauben aus der Reishutkrempe, wenn man es Schwarz auf Weiss liest. Gut, eigentlich Stempelblau auf RotGrünTürkisKrisselkram, aber das ändert nichts an der Schockfrost-Erkenntnis: Ich bin zwar noch Deutscher, aber so richtig grad auch nicht mehr wirklich. Zumindest wirkt es so. Daran ändert sogar diese fröhliche Mädchenschrift nichts, mit der das Datum darüber gekringelt wurde. Sie gehören nicht mehr zu uns, einen schönen Tag auch noch.

Aufm AmtBeim Verlassen der Stube wirkt die Welt oder zumindest erstmal das lokale deutsche Amt verändert. Die erwachende Sonne sticht durch die Fenster und taucht die Szenerie in das warme Licht der Unschuld als sei nichts geschehen. Der Wohnsitz hat den schwarzen und goldenen Balken verloren, sonst war ja auch nichts. Ich müsste das eigentlich kennen, immerhin habe ich alle drei Balken schon einmal gegen rot-weisse Streifen und Sterne auf blauem Grund eingetauscht, aber das hier fühlt irgendwie anders an. Mein kleiner Herr Vorurteil ist offenbar bei bester Laune.

Mit meiner veränderten Wahrnehmung blicke ich mich um. Eigentlich ist die Botschaft hier faktisch sowas wie das deutsche Einwohnermeldeamt. Und dennoch: nicht nur vor den Schaltern, sondern auch dahinter sieht man praktisch nur Chinesen. (Ich glaube im Gegenzug jedoch nicht, dass man in der chinesischen Botschaft in Deutschland entsprechend fast nur Deutsche antrifft. Eine Schief-Lage, die Rätsel aufgibt)
Das Wort ‘Ausländerbehörde’ drängt sich auf. Wie die Hühner auf der Stange sitzt hier in zwei Reihen die Klientel. Zumeist zwecks Visums-Beantragung. “Nur nach vorheriger Terminabsprache” wie man sowohl vor Ort, als auch auf der entsprechenden, sogar sehr informativen Website lesen kann. Das heisst, der Andrang ist kontrolliert. Ohne Termin kein Einlass in die heilige Halle. Und draussen nur Kännchen. Ich sags ja: Ordnung muss sein.

DSC04654Die Stimmung verheisst durchweg eine diffuse Mischung aus Unbehagen und Verunsicherung. Im Gegenzug ist es auf den Ämtern in Deutschland eher ein scharf profiliertes Gefühl von Genervtheit. Zumindest auf den Ämtern FÜR DEUTSCHE. Wenn man im Ausland in seiner eigenen Botschaft sitzt, kann man dagegen erstmals nachvollziehen, was Achmed, Igor und Karim bei uns dort aushalten müssen, wohin wir Deutschen normalerweise niemals gehen. Wer Menschen kennt, die Begriffe wie “Bleiberecht” und “Einbürgerung” kennen und nutzen müssen, der hat die Geschichten bereits gehört, aber sicherlich niemals wirklich verstanden. Und vielleicht sogar nicht so recht geglaubt.

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Nov 5

“Wenn man immer gerade durch die Erde gräbt, kommt man irgendwann in China raus”.

Diesen Satz kennt wohl jeder in der ein oder anderen Formulierung.

Einmal durch die Erde nach China

Bei einer näheren Betrachtung des Globus wird allerdings ersichtlich, dass man eher den Tiefsee-Lebewesen des indischen Ozeans einen Besuch abstatten würde. China liegt nicht nur dichter als man meint, es ist zudem genauso auf der Nordhalbkugel beheimatet wie Madrid, Paris oder Meppen.

Aber vielleicht möchte das Sprichwort eher sagen, dass in China alles anders ist. Auf den Kopf gestellte Gewohnheiten sozusagen. Und da kommen wir der Sache schon näher. Die Menschen laufen zwar nicht mit den Füßen an der Decke, aber manches ist so gegensätzlich, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann. Schauen wir uns einmal ein paar Beispiele an.

Der Kompass zeigt hier nach Süden, statt nach Norden, und wenn er zwischen zwei Richtungen liegt, stellt man die Breitengrade voran und sagt beispielsweise “Ostsüden” oder “Westnorden”.

Nach der Bestellung von zwei Fleisch- und drei Gemüsegerichten fragt der Kellner bei der Bestellaufnahme geduldig, ob man denn keine Hauptspeise möchte. Er meint damit Reis, Nudeln oder Brot, was im Westen wiederum eher als Beilage gilt.

Ein kaltes Wasser hat Zimmertemperatur und ein als “normal” bestelltes ist warm. Man spricht sogar umgedreht. “Morgen abend treffen wir uns um sieben Uhr am Eingang” klingt wortwörtlich wie “Wir morgen abend sieben Uhr am Eingang treffen”.

Man isst vom Huhn die Füsse, vom Fisch den Kopf, und der Fußgänger muss dem Autofahrer den Vorrang lassen. Man benutzt die Begriffe “hoch” und “runter” für “nächsten” und “vorherigen”, aber in umgekehrter Bedeutung wie erwartet. Man hält einander nicht die Tür auf. Der Aufhaltende würde damit anstatt gesellschaftliche Anerkennung zu ernten seinen eigenen Status auf Bediensteten-Niveau reduzieren und nebenbei auch kein Dankeschön bekommen. Weder verbal noch in Form eines Blickes.

wedding dressBeim beliebten Spiel “Ja, Nein, Schwarz, Weiss” hätte der Chinese grandios die  Nase vorn, denn Ja und Nein existieren als Wörter im europäischen Sinne in seiner Sprache überhaupt nicht.

Die für uns als Warnfarbe bekannte Kulör Rot steht neben Nationalstolz und Gemütlichkeit für Glück und ist unter anderem die Farbe des Brautkleides. Dieser Umstand hatte bei der Einführung der international anerkannten Ampel-Lichtsignalanlagen für einige Verwirrung gesorgt: Ausgerechnet Rot soll stop bedeuten? Kann nicht sein. Weiss steht übrigens allgemeinhin für Tod und hält aus diesem Grund nur zaghaft Einzug in die Hochzeitsfarben.

Beim Drei-Kreuze-machen oder beim Wahlschein-ausfüllen legt Herr Li einen astreinen Haken aufs Papier, da für ihn das X gleichbedeutend mit Wegstreichen oder aus-ixen, also negativ besetzt ist. Wäre unter diesem Gesichtspunkt einmal interessant, einen hiesigen Lottoschein zu sehen.

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Nov 2

Snow in BeijingPeinlich, peinlich!

Da regt man sich grad noch über die vermeintlich zu früh begonnene angestrengte Weihnachtsvorbereitung der Chinesen auf, und dann bietet sich einem gestern morgen dieses Bild beim Blick aus dem Fenster.

8cm Schnee am 1. November. Damit einhergehend ein Temperaturabfall à la Niagara: von 14° auf -4°C.

Da man im letzten Jahr bereits der Öffentlichkeit bewiesen hat, das Wetter kontrollieren zu können, und es entsprechend bei den olympischen Spielen nicht geregnet hat, scheint dies folgerichtig ein Teil der festlichen Vorbereitungen zu sein. An Weihnachten liegt Schnee. Gefälligst!

An Konsequenz mangelt es Herrn Li ja nicht. Na, dann mal frohes Fest!

UPDATE:
Leser Kerem hat in den Kommentaren drauf hingewiesen — die Vermutung war berechtigt, der Schneefall erzwungen. Ob die erwähnten Massen an Chemikalien wohl verträglich für Mensch und Umwelt sind?
Tagesschau: Peking lässt es schneien

Okt 29

Das hält man ja nicht aus. Völlig unschuldig ist man auf dem Weg zum Shareholder Value getriebenen Röster des verloren gegangenen Vertrauens, um dem Arbeitsnachmittag den letzten Kick zu geben und dann das:

Auf geht's ins holde WeihnachtsgeschäftDa stellen sie doch tatsächlich am 29. Oktober einen Weihnachtsbaum auf.

Gut, man muss schon sehr stark abstrahieren, um ihn zu erkennen, aber es soll einer sein. Ganz klar.

Irgendwie muss es ihnen selber peinlich gewesen sein, denn der mit der Aufstellung betreute fleissige Herr unten rechts im Bild zieht genau in dem Moment den Stecker der grellen Neonshow, als ich mein Handy zur Ablichtung des Dramas in Position gebracht habe. Mist. Und dabei wollte ich unbedingt festhalten, wie er in prächtigen Pink, Mint und Himmelblau-Tönen jeder Disko-Anlage Konkurrenz machen könnte.

Mein lieber Herr Li, jetzt mal ehrlich: Das ist einfach nicht Dein Fest. Und Du hast dieses Jahr schliesslich bereits Ende Januar (Chinese New Year) und Anfang Oktober (National Holidays) Grund und Gelegenheit genug gehabt, alles vollzustellen und zu -hängen. Ganze sieben Tage am Stück durftest Du so viel rumböllern, dass sogar Neubauten in Schall und Rauch aufgehen.

Und ja, wir wissen, dass Du das Aufstellen von blinkenden, zu Kegeln stilisierten Bäumen und thematischen Papp-Schildern mit der inneren Besinnlichkeit einer Adventszeit verwechselst. Bitte nicht an den Amerikanern ein Beispiel nehmen: Nicht die verbrauchte Strommenge und das Durchhaltevermögen beim Abdudeln der immer gleichen Weihnachtsmusik-CD zählen! Obwohl Äh, Weihnachten?man das bei Dir denken könnte. Beim letzten Fest ging es permanent von November bis Mitte Februar und vereinzelt konnte man auch in jedem anderen Monat des Jahres die Jingle Bells klingeln hören. An manchen Shops hängen noch immer die Merry Xmas Grüße 2008. Und Du bist sogar stolz darauf, ich weiss. Du glaubst, das sei weltoffen. Deine Mühe sei zur Kenntnis genommen.

Hier ein Angebot zur gütlichen Einigung: Etwas weniger halogenblaues Lauf- und Stroboskop-Licht, nicht ganz so viel auf die Ohren und dafür vielleicht ein paar Marzipankartoffeln aus Lübeck importieren und von Lindt den guten Herrn mit dem weissen Gesichtswuchs. Dann regen wir uns auch nicht mehr ganz so sehr auf, wenn wir im Mai wieder auf eine Gruppe fröhlich leuchtender Rentiere treffen! Versprochen.
Blinkomat
Nachtrag:

Es scheint Schule zu machen. Als ich nach Hause kam, bot sich mir dieses fröhlich blinkende Bild zum Willkommensgruß.

56 mal werden wir noch wach…

Okt 26

Es gibt so Momente, da weiss man gar nicht, was man vor sich hat. Und später wundert man sich dann, wie das eigentlich sein konnte.

Nehmen wir einmal untenstehendes Foto. In einer Woche ist es genau ein Jahr her, dass ich es, mehr aus einer Laune heraus, geschossen habe. Es war der erste Tag, an dem Hell Dlalle in China war, und wir zwei beiden sprangen über die Wangfujing, worüber ich dann ja auch gleich kurz einmal berichtet hatte.

Einmal rauf die Strasse und auf der anderen Seite wieder herunter. Da gibt es anderswo deutlich uninteressanteres, wenngleich es sich eigentlich nur um eine Einkaufsstrasse handelt. Am Ende (oder Anfang) stiessen wir auf einen Fotoladen. Recht unspektakulär und nach Touri-falle aussehend. Im Fenster lehnten diese drei in Goldrahmen eingefassten Bilder.

China Photo Store

Ich weiss noch, dass wir uns angeregt darüber unterhalten hatten, ob diese nun drei verschiedene Männer zeigen, oder ob das auf jedem Bild der Mao war, nur halt in verschiedenen Altersstufen. Das Chinesische konnten wir ja nicht lesen und irgendwie war’s uns auch nicht so wichtig. Wir haben nur ein wenig darüber geschmunzelt, wie man derlei offensichtlich billige Posterimitate für Touristen so aufgemotzt ins Fenster stellen kann. Die Zeit für diese Art von Portraits war ja wirklich längst um.

Zwölf Monate später lese ich in der Oktoberausgabe des Time-Out Beijing nun dieses:

Das China Photo Studio ist das weltweit einzige authorisierte Geschäft, das diese drei offiziellen Porträts von Chinas vergangenen Führungskräften ausstellen darf. Warum? Weil sie die Originale sind! Und weil diese Originale in genau diesem Geschäft entstanden sind. Urheberrechtlich einwandfrei.

Das Studio wurde 1937 in Shanghai gegründet und zog 1956 nach Peking um, weil es der damalige Premier Zhou Enlai nun einmal so wollte. Und dieser begründete dann auch die Dreierreihe mit seiner Ablichtung im ersten Jahr. Selbstredend haben die Inhaber nie wieder Sorgen aufgrund ausbleibender Kundschaft gehabt, und man reist wohl auch heute noch von weit an, um sich hier vereweigen zu lassen und etwas vom Geist der Macht aufzuschnappen.

Siehste, so kann man sich täuschen. Ich werde demnächst auch mal einen Termin dort machen. Vielleicht wird dann ja noch was aus mir.

Okt 15
L/R

Nein, falsch. Um links/rechts geht es jetzt nicht. Im Chinesischen wäre das auch Z/Y für zuǒ/yòu und so kurz nach der Bundestagswahl möchte sowieso niemand was über derartige Richtungsangaben mehr lesen.

Konfuzius“Del Chinese lollt das El” wie jeder weiss. Es scheint eine Weisheit des Konfuzius. Und doch müssen wir hier mal den landesfarbigen Korrekturstift ansetzen, denn leider ist dies ein Vorurteil. Zumindest meine beiden Schallempfänger haben noch keine ausgeprägte R-Schwäche der Bevölkerung feststellen können.

“Try red rooster, gringo” macht zwar überhaupt keinen Sinn, wäre rein phonetisch jedoch kein Grund für den Kollegen von nebenan, den Entknotungsdienst zu rufen. Man höre und staune. Gut, es ist kein gekratztes R, wie wir Deutschen es kennen und mögen, aber immerhin ein als solcher zu erkennender Buchstabe.

Und doch, es gibt da ein gewisses Problem. Allerdings nicht beim R wie wir nun wissen, sondern –jetzt kommts– ausgerechnet beim L! Der lallende Buchstabe lodernder Leichtigkeit geht dem Kollegen sehr viel schwerer über die Oberkante Unterlippe, zumindest wenn es nicht am Wortanfang steht. “Towel” klingt dann so wie “Towouh” und “Köln” wie “Köuhn”.

Ja, Moment einmal. Da sind sich Quadrilliarden Menschen weltweit einig, dass der Herr Li sich zwar kein X für ein U vormachen lässt, aber ein L für ein R. Und dann soll er das in Wirklichkeit gar nicht aussprechen können? Wie geht denn sowas?

Nun, ich hätte da eine Lösung anzubieten. Ohne Fokusgruppe und nicht repräsentativ, dafür interessant:

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Okt 7

Die Zahl Vier ist eine ganz unglückliche in China. Man meidet sie, wo man kann. Aus Stockwerken wird sie herausgestrichen und Telefonnummen mit ihnen will niemand haben. Zwei Vieren sind dagegen schon besser. Sie ergeben zusammen acht und das ist im Gegensatz zu seiner Hälfte die wichtigste Glückszahl. Telefonnummern kosten pro Anzahl der enthaltenen Achten immense Aufschläge.

Ich frage mich dabei, ob das erfolgreiche Spiel “Vier gewinnt” wohl in China verkauft wird und ob das Gewinnen mit einer Vier tiefenpsychologische Auswirkungen auf Herrn Lis kleinen Bälger hat.

Auf Symboltracht wird jedenfalls viel Wert gelegt in China. Die Eröffnung der olympischen Spiele am 08.08.08 galt zum Beispiel als großes Zeichen. Und dann haben sie ja auch prompt die meisten Medallien abgeräumt, die guten garantiert mindestens 16jährigen Sportlerchen mit den international abgeschotteten Dopingkontrollen.

Der 09.09.09 war auch so ein Symboltag. Die 9 hat wie die 8 stark positiv aufgeladene Bedeutung. Vereinfacht könnte man sagen, sie steht für langes Glück und Liebe in der Ehe. So waren dann auch Anfang letzten Monats die Standesämter 24 Stunden lang geöffnet. Und man drängelte sich dementsprechend, um ja von den guten Vorzeichen zu profitieren.

Warum ist denn aber nun eigentlich die 4 so unbeliebt? Das erklärt sich fix über die Sprache. Die Zahl wird sì ausgesprochen, wobei der kleine Akzenthaken zeigt, das man den Tonfall hart, kurz und nach unten gehend anzusetzen hat. Auch ist es kein langes iiii, sondern ein komprimiertes, wie am Anfang des Wortes ‘immer’.

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