Nov 21

Die Sonne bricht mit ihrer üblichen Kraft durch die Vorhänge. Selbst die zweite, dickere Lage kann sie nicht davon abhalten, die Nachricht zu überbringen, die ihr so sehr am flammenden Herzen liegt: Guten morgen, es ist Samstag!

Und der Samstag beginnt fast immer gleich – Ein vorsichtiges Blinzeln aus dem Fenster mit der leichten Smog Patina, ein erster Blick auf das dreiundzwanzig Stockwerke tiefer liegende verschlafene Hauptstädtchen.

Alles ist chinesisch still. Das Adjektiv muss sein. Nach deutschen Massstäben wäre es stadtlaut. Wie die Hamburger Innenstadt um 20:03 Uhr etwa, wenn die Läden schliessen und Menschen nach Hause strömen, um ihrem erbeuteten Gut zu huldigen oder in die Restaurants zum Abendessen pilgern. Nicht wirklich ruhig, aber auch kein lärmender Berufsverkehr mehr.

Für die teilverbotene Stadt gilt dieser Zustand als absolute Stille. Der Samstag beginnt also freundlich. Jede Woche. Immer wieder.

Von der verglasten Südseite des Apartments führt der Weg direkt zur Dusche. Das heisst, zunächst noch den Wasserspender anschalten. Kaltes auf gähnenden Magen trinken ist in China ja praktisch verboten.

In jedem Fall aber führt der Weg nicht wie in Deutschland in die Küche zum Wochenend-Schlachtfeld: der Einkaufsliste für den Samstag. Man mag über die 7-Tage Woche arbeitsrechtlich denken, was man will. Aber sie erleichtert den Büroknechten um einen der penetrantesten Stressmomente.

Im Anschluss an epidermialer Furchenzählung und vercremten Restaurationsversuchen dann der einzig herausfordernde Moment des Tages: wohin zum Frühstücken?
Die fernöstliche Umsetzung des Rama Spots von der Gemütlichkeit zuhause scheitert leider an daran, dass es nicht nur keine Rama, sondern auch keine Brötchen gibt. Zumindest keine, die man als solche bezeichnen möchte.

Es gibt zum Glück The Beijinger, That’s Beijing, City Weekend, Time Out und ähnliche monatlich erscheinende Publikationen, die den Expat über die kulinarische Lage der Wahlheimat auf dem Laufenden halten. Da findet sich immer was.

Also raus aus dem Haus und erstmal tief die frische Luft* (Zustand von der Redaktion geändert) eingeatmet. Hallo Welt.

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Nov 17

“Ich weiss gar nicht, wie die das machen – das Essen hier ist total ölig und fett. Trotzdem sind alle so unglaublich schlank”.

Abwarten und Tee trinken hilftDiesen Satz habe ich schon öfters gehört und selbst auch nie so wirklich eine Antwort gefunden. Ein Teil der Antwort mag sicher sein, dass sie sich mehr bewegen. Ein anderer, dass sie mehr selber kochen und das aus frischen Zutaten und wenig Fleisch. Süssigkeiten spielen fast keine Rolle, vor allem Schokolade nicht. Aber bei den täglich vollen Restaurants kann all das noch nicht ausreichend erklären, weshalb ein großer Teil der Bevölkerung derart viel schlanker ist, als der durchschnittliche Europäer.

Dank der intensiven Recherche von Ninik und Ferdi sind wir des Rätsels Lösung nun aber auf der Spur. Es scheint, als läge die Antwort im Abwarten und Tee trinken. Zumindest wenn letzteres ein grüner ist.

Grüner Tee ist offensichtlich nicht nur gut gegen Krebs, baut Cholesterin ab und schützt vor Herzerkrankungen. Er kurbelt den allgemeinen Kalorienverbrauch an und verhindert, dass der Körper die unerwünschten Fettmoleküle aus dem Essen aufnimmt und einlagert. Diese machen also sozusagen einen auf Umsatzsteuer und bilden im Körper einen durchlaufenden Posten. Im wörtlichen Sinne.

Grüner Tee und Sojabohnen

Wem das schon bekannt war, dem ist aber vielleicht folgendes neu: Wenn man neben dem grünen Tee auch noch Sojaprodukte in seine Ernährung einbaut, ist einem zusätzlich eine Portion Collagen für Haut, Haare und Nägel gewiss und zwar ganz ohne Einspritzen. Das macht jünger und schöner und ist für ziemlich wenig Geld zu haben.

Wenn man das weiss, wird einem hier zulande so manches klar. Einen McBohne und einen Green Tea Shake bitte!

Nov 9

Ulbricht war ein oller Lügner, aber das ist ja kein Geheimnis. 25 Jahre später, am 9. November 1989 wurde seine Lüge dann gottlob dem Boden gleich gemacht.

Bundesarchiv_Bild_183-1989-1109-030,_Berlin,_Schabowski_auf_PressekonferenzAls an dem Tag gegen 19:00 Uhr in Ost-Berlin diese folgenschwere Pressekonferenz stattfand, war ich grad in der Schule und wusste von nichts. Für mich war es ein normaler Vormittag im US-Bundesstaat Illinois. Von dem Ereignis, das den Kalten Krieg beendete, habe ich erst am Abend erfahren. Meine Gastmutter kam ins Zimmer und meinte, in den Nachrichten hätten sie gerade den Fall der Berliner Mauer verkündet.

Ich weiss noch ganz genau, was mir damals durch den Kopf ging: “Ja, klar, sicher doch – die Amis verstehen aber auch gar nichts.” Daran, dass die Meldung stimmen könnte, habe ich keinen Gedanken verschwendet. Stattdessen musste ich mich erst einmal gehörig darüber aufregen, wie wenig man dort von Geschichte und Geografie verstand. Wenn man es täte, käme man niemals auf solch dumme Schlagzeilen.

The Berlin wall is openAls ich dann die Fotos von den Menschen sah, die oben auf dem Bollwerk standen und feierten, war ich schlicht fassungslos. Diese Bilder haben noch heute Symbolcharakter. Aber zu der Zeit waren sie mit gesundem Menschenverstand nicht zu begreifen. Nicht, wenn man ein Leben lang mit einer der seltsamsten Grenzen aufwächst, die Menschen je gebaut haben. Natürlich habe ich immer die Hoffnung gehabt, dass sie eines Tages verschwinden würde, aber genau so habe ich gehofft, dass wir irgendwann wie Captain Future mit schwebenden Autos durch die Gegend fliegen. Angesichts von Feinstaub-Debatte und Abwrackprämie sehen wir ja, wie realistisch das ist.

Zu der Zeit der Grenzöffnung wäre ich damals gerne in Deutschland gewesen, um das WM-Gefühl aus der Nähe zu erleben. Warum musste ich auch ausgerechnet in dem entscheidenden Jahr weg sein? Das alles aus der Ferne zu betrachten hatte dann aber einen äussert interessanten Nebeneffekt:

In Zeiten vor Handy und Internet war die Hauptinformationsquelle das gedruckte Wort. Und das musste seinen Weg erstmal über den großen Teich finden. Mir standen also neben den amerikanischen Nachrichtenbeiträgen im Fernsehen hauptsächlich wochenalte Magazinbeiträge aus Deutschland zur Verfügung. Und private Briefe. All diese Quellen haben aber freilich vor allem eine Charakteristik: Sie fassen die Dinge recherchiert zusammen und stellen sie in einen Gesamtzusammenhang, statt die Meldungen wie heute im Netz rasend schnell und ungefiltert durchzureichen. Ich konnte die Geschehnisse also mit internationalen Augen sehen und die Gesamtheit betrachten, ohne mich zu stark in Details zu verlieren.

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Nov 7

(English below)
Dieser Eintrag sticht ein wenig aus den übrigen heraus. Ich möchte ein wenig meinen Wissensstand beim Thema “Handy in China” teilen und versuchen, anderen Expats oder Besuchern zu helfen, das Dickicht der verschiedenen Mobilfunk-Dienste von Anbieter China Mobile zu durchblicken und vor allem die Frage nach dem Internet auf dem Handy zu klären. Der Eintrag ist deshalb auf Englisch.

I want a phone service with Internet!
So, you’ve come to China, made it through the first encounter with a taxi driver and even got your working permit and visa straightened out.

Now you want to quit paying those roaming fees with your foreign phone provider, but you have no idea what to get instead. All your persuasions didn’t help: your company is not going to provide you with a SIM card that they paid for. So you’re on your own. Now what?

Well, then you’re about where I used to be for a long time, keeping listening to different people telling different stories. I believe I came to something you may call a solution and so let me try to shed some light onto China Mobile’s(CM) service plans (as I know nothing about China Unicom’s, sorry).

CM has 3 types of products to choose from :

Shenzhouxing

Shenzhouxing (Easy Own)
Definition:
This pre-paid card is available at most newsstands and supermarkets. It comes pre-charged and works out of the box as soon as you put it into your own phone. Buy top-up cards anywhere to recharge the SIM card when it runs out if money. Very easy.
This card makes most sense if you’re in the country only for a few weeks.

Pricing:
It’s quite pricy as you can imagine, because you’re not bound by a contract. Also, be aware that you are charged a certain amount of money even for receiving calls. You can buy a package for 10 RMB that prevents this and you can also subscribe to other volume services for calling and texting. This is usually done by sending a certain code via SMS to CM. They will then deduct the applicable fee from your pre-paid card at the beginning of every month. Unfortunately, I have not yet found a complete list of the possible services you can subscribe to, so you need to keep digging.

Internet:
You can subscribe to GPRS packages, but they will not get you www service, only access to WAP, which usually is not what you want, because it’s very limited: view only WAP sites from CM.

M-Zone

M-Zone
Definition:
This is the most-people-have-it solution. It’s also a pre-paid system and you need to charge it regularly. You can only get this product in an official CM store, not in a market. Also, they need your passport and address to register you as the owner. However, since it’s pre-paid, there’s nothing you need to cancel in case you leave the country or just don’t want to use the SIM card any longer. It’ll stay active for 3 months and will work as usual once you recharge the number again. If you don’t – well, then nothing’s going to happen.

Pricing:
You are required to book at least one package as a monthly subscription. This must be a text or voice plan. Data services are extra. Voice or text plans start very low at something like 11RMB, so it’s nothing to be majorly concerned about.

Internet:
GPRS works out of the box (see possible necessary settings for your phone below), but you should get a volume package instead of using pay-as-you-go, because the KB prices aren’t exactly cheap. GPRS packages start very low at about 5RMB and go up to 200RMB, depending on your needs. The CM store will have a list with the latest rates to choose from. Bring some time…
Or else check out this link beforehand. I got it from cuimengsuo.com and it lists the available GPRS packages. It’s in Chinese, so you might want to run it through Google Translate or similar.

GoTone

GoTone
Definition:
This is what I’d call a business-oriented plan. They offer post-payments and are directed towards people who use voice more than text messages and who call lots and lots, national and international. If you get this, then you need to cancel your contract once you don’t want any further service. Otherwise the bills keep coming.

Pricing:
The packages available are mainly directed towards lots of calling minutes and make those much cheaper, I’m not too familiar with the rates though.

Internet:
Same story as M-Zone.

Still doesn’t work?
If you already happen to have an M-Zone or GoTone SIM card, have entered the settings I showed you down below and still get no connection, then you need to go to a CM store or simply let a Chinese-speaking person call 10086 to have them activate GPRS access for you. Your card simply may not yet be authorized.

Already have a Shenzhouxing and want to keep your number?
That’s no problem. Well, maybe that’s a point of view. Firstly, you need to still have that credit card-sized plastic framing from which you originally broke out that small SIM card. This one contains all sorts of authorization numbers on the back that the CM representative needs on order to do the trick.

So take that and your passport when you go to a store. They’ll do the switch from your Shenzhouxing plan to one of the other without problem, BUT: you need to wait until the beginning of the following month for the whole thing to take effect. Until then everything will stay as it is, so no GPRS for the rest of the current month.

Be patient for about 30 days
The one month waiting period is the case with anything official or GPRS-related. CM doesn’t do these kind of things right away, so even if you have an M-Zone or GoTone and want to have a GPRS volume package, you’ll have to wait for the 1st of the following month for it to take effect. Until then you’ll stay on the expensive by-KB rate. Make sure to be clear about whether or not you have an active package to avoid costly surprises.

Lots of phones can actually use the GPRS access without further configuration, but some might need a tweak. Here are the settings for both, Internet and MMS for you. The latter is needed especially if you have an iPhone, which will simply not show MMS ability until you enter this information and completely reboot the device:

Cellular Data network service settings for GPRS access:

APN: cmnet
Leave username and password blank or use ” guest ” for both if you phone requires an entry.

MMS
APN: cmwap
MMSC: mmsc.monternet.com
MMS proxy: 10.0.0.172

On the Apple iPhone, you’ll get to this by tapping the SETTINGS icon on the home screen, go to GENERAL, then NETWORK and then CELLULAR DATA NETWORK. Don’t forget to also enable MMS in SETTINGS – MESSAGES by putting the slider “MMS Messaging” to ON.

I hope this helps anybody who’s been trying to figure this out without success like I did for a long time.

Nov 6

“Und was wollen Sie jetzt damit erreichen”?

Frau Müller (Name von der Redaktion geändert) blickt prüfend mit leicht forderndem Blick durch die verwinkelte Glasscheibe, die ihrem Gesicht einen grünlichen Ton verleiht. Ein wenig kalt ist es im Konsular-Zimmer 10 der deutschen Botschaft. Der kühle Lufthauch der Autorität.

Das offizielle Schriftstück des Einwohnermeldeamtes Hamburg Wandsbek hängt wie eine stinkende Makrele zwischen Frau Müllers spitzen Fingern. ABMELDEBESCHEINIGUNG steht am oberen Rand. 24 Punkt Versalien, Courier New Regular Schriftschnitt. Hübsch ist das nicht, aber immerhin so deutlich lesbar, als wäre es die Schlagzeile der BILD. Wie zum Nachdruck hält Frau Müller das A4 Blatt nach Deutscher Industrie Norm hoch, damit der Bittsteller auf der falschen Seite des Schalters auch ganz sicher weiss, um was sich die Frage dreht.

Weggestempelt und verzogen“Ich möchte nur meiner Pflicht genüge tun”. erwidert dieser und ist ein wenig verwirrt. Aber etwas in der nach verstaubten Akten klingenden Formulierung scheint zu Frau Müller durchzudringen und ihr Ablageherz zu berühren. Ihr Mund strebt die Form eines stilisierten Paragraphenschlüssels an: “Na, dem wollen wir uns natürlich nicht entgegenstellen”. Sprachs leicht schnippisch und verschwand in den tiefen Tunneln der Gesetzgebung.

Dummer Spruch, dumme Antwort. Und diesmal hat’s sogar was geholfen. Nach klassischen deutschen 7 Minuten, die ein ordentliches Bier benötigt ist sie wieder zurück. Ohne Schriftstück aus der Hansestadt, dafür mit einem neu verstempelten Pass: “Wohnort amtlich geändert in Peking / VR China” – Zack, Ummeldung erledigt.

Da hätte man sich die 5min Diskussion im Vorfeld auch sparen können. Die Kollegin in Hamburg hatte gesagt, ich müsse das hier vorzeigen, um offiziell gemeldet zu sein. Dass Frau Müller das nun nicht sonderlich gut in den Kram passt tut mir ja auch irgendwie leid, aber Ordnung muss sein. Insbesondere in Amtsangelegenheiten.

Mir war es natürlich nicht neu, dass ich in Peking wohne. Dennoch fällt einem erstmal eine der genormten Schrauben aus der Reishutkrempe, wenn man es Schwarz auf Weiss liest. Gut, eigentlich Stempelblau auf RotGrünTürkisKrisselkram, aber das ändert nichts an der Schockfrost-Erkenntnis: Ich bin zwar noch Deutscher, aber so richtig grad auch nicht mehr wirklich. Zumindest wirkt es so. Daran ändert sogar diese fröhliche Mädchenschrift nichts, mit der das Datum darüber gekringelt wurde. Sie gehören nicht mehr zu uns, einen schönen Tag auch noch.

Aufm AmtBeim Verlassen der Stube wirkt die Welt oder zumindest erstmal das lokale deutsche Amt verändert. Die erwachende Sonne sticht durch die Fenster und taucht die Szenerie in das warme Licht der Unschuld als sei nichts geschehen. Der Wohnsitz hat den schwarzen und goldenen Balken verloren, sonst war ja auch nichts. Ich müsste das eigentlich kennen, immerhin habe ich alle drei Balken schon einmal gegen rot-weisse Streifen und Sterne auf blauem Grund eingetauscht, aber das hier fühlt irgendwie anders an. Mein kleiner Herr Vorurteil ist offenbar bei bester Laune.

Mit meiner veränderten Wahrnehmung blicke ich mich um. Eigentlich ist die Botschaft hier faktisch sowas wie das deutsche Einwohnermeldeamt. Und dennoch: nicht nur vor den Schaltern, sondern auch dahinter sieht man praktisch nur Chinesen. (Ich glaube im Gegenzug jedoch nicht, dass man in der chinesischen Botschaft in Deutschland entsprechend fast nur Deutsche antrifft. Eine Schief-Lage, die Rätsel aufgibt)
Das Wort ‘Ausländerbehörde’ drängt sich auf. Wie die Hühner auf der Stange sitzt hier in zwei Reihen die Klientel. Zumeist zwecks Visums-Beantragung. “Nur nach vorheriger Terminabsprache” wie man sowohl vor Ort, als auch auf der entsprechenden, sogar sehr informativen Website lesen kann. Das heisst, der Andrang ist kontrolliert. Ohne Termin kein Einlass in die heilige Halle. Und draussen nur Kännchen. Ich sags ja: Ordnung muss sein.

DSC04654Die Stimmung verheisst durchweg eine diffuse Mischung aus Unbehagen und Verunsicherung. Im Gegenzug ist es auf den Ämtern in Deutschland eher ein scharf profiliertes Gefühl von Genervtheit. Zumindest auf den Ämtern FÜR DEUTSCHE. Wenn man im Ausland in seiner eigenen Botschaft sitzt, kann man dagegen erstmals nachvollziehen, was Achmed, Igor und Karim bei uns dort aushalten müssen, wohin wir Deutschen normalerweise niemals gehen. Wer Menschen kennt, die Begriffe wie “Bleiberecht” und “Einbürgerung” kennen und nutzen müssen, der hat die Geschichten bereits gehört, aber sicherlich niemals wirklich verstanden. Und vielleicht sogar nicht so recht geglaubt.

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Nov 5

“Wenn man immer gerade durch die Erde gräbt, kommt man irgendwann in China raus”.

Diesen Satz kennt wohl jeder in der ein oder anderen Formulierung.

Einmal durch die Erde nach China

Bei einer näheren Betrachtung des Globus wird allerdings ersichtlich, dass man eher den Tiefsee-Lebewesen des indischen Ozeans einen Besuch abstatten würde. China liegt nicht nur dichter als man meint, es ist zudem genauso auf der Nordhalbkugel beheimatet wie Madrid, Paris oder Meppen.

Aber vielleicht möchte das Sprichwort eher sagen, dass in China alles anders ist. Auf den Kopf gestellte Gewohnheiten sozusagen. Und da kommen wir der Sache schon näher. Die Menschen laufen zwar nicht mit den Füßen an der Decke, aber manches ist so gegensätzlich, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann. Schauen wir uns einmal ein paar Beispiele an.

Der Kompass zeigt hier nach Süden, statt nach Norden, und wenn er zwischen zwei Richtungen liegt, stellt man die Breitengrade voran und sagt beispielsweise “Ostsüden” oder “Westnorden”.

Nach der Bestellung von zwei Fleisch- und drei Gemüsegerichten fragt der Kellner bei der Bestellaufnahme geduldig, ob man denn keine Hauptspeise möchte. Er meint damit Reis, Nudeln oder Brot, was im Westen wiederum eher als Beilage gilt.

Ein kaltes Wasser hat Zimmertemperatur und ein als “normal” bestelltes ist warm. Man spricht sogar umgedreht. “Morgen abend treffen wir uns um sieben Uhr am Eingang” klingt wortwörtlich wie “Wir morgen abend sieben Uhr am Eingang treffen”.

Man isst vom Huhn die Füsse, vom Fisch den Kopf, und der Fußgänger muss dem Autofahrer den Vorrang lassen. Man benutzt die Begriffe “hoch” und “runter” für “nächsten” und “vorherigen”, aber in umgekehrter Bedeutung wie erwartet. Man hält einander nicht die Tür auf. Der Aufhaltende würde damit anstatt gesellschaftliche Anerkennung zu ernten seinen eigenen Status auf Bediensteten-Niveau reduzieren und nebenbei auch kein Dankeschön bekommen. Weder verbal noch in Form eines Blickes.

wedding dressBeim beliebten Spiel “Ja, Nein, Schwarz, Weiss” hätte der Chinese grandios die  Nase vorn, denn Ja und Nein existieren als Wörter im europäischen Sinne in seiner Sprache überhaupt nicht.

Die für uns als Warnfarbe bekannte Kulör Rot steht neben Nationalstolz und Gemütlichkeit für Glück und ist unter anderem die Farbe des Brautkleides. Dieser Umstand hatte bei der Einführung der international anerkannten Ampel-Lichtsignalanlagen für einige Verwirrung gesorgt: Ausgerechnet Rot soll stop bedeuten? Kann nicht sein. Weiss steht übrigens allgemeinhin für Tod und hält aus diesem Grund nur zaghaft Einzug in die Hochzeitsfarben.

Beim Drei-Kreuze-machen oder beim Wahlschein-ausfüllen legt Herr Li einen astreinen Haken aufs Papier, da für ihn das X gleichbedeutend mit Wegstreichen oder aus-ixen, also negativ besetzt ist. Wäre unter diesem Gesichtspunkt einmal interessant, einen hiesigen Lottoschein zu sehen.

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Nov 2

Snow in BeijingPeinlich, peinlich!

Da regt man sich grad noch über die vermeintlich zu früh begonnene angestrengte Weihnachtsvorbereitung der Chinesen auf, und dann bietet sich einem gestern morgen dieses Bild beim Blick aus dem Fenster.

8cm Schnee am 1. November. Damit einhergehend ein Temperaturabfall à la Niagara: von 14° auf -4°C.

Da man im letzten Jahr bereits der Öffentlichkeit bewiesen hat, das Wetter kontrollieren zu können, und es entsprechend bei den olympischen Spielen nicht geregnet hat, scheint dies folgerichtig ein Teil der festlichen Vorbereitungen zu sein. An Weihnachten liegt Schnee. Gefälligst!

An Konsequenz mangelt es Herrn Li ja nicht. Na, dann mal frohes Fest!

UPDATE:
Leser Kerem hat in den Kommentaren drauf hingewiesen — die Vermutung war berechtigt, der Schneefall erzwungen. Ob die erwähnten Massen an Chemikalien wohl verträglich für Mensch und Umwelt sind?
Tagesschau: Peking lässt es schneien

Oct 29

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Nanu, das Logo kenn ich doch?

Als ich auf dem Nachhauseweg an dem THE PLACE Shopping Center vorbei kam (das mit dem mächtig großen Bildschirm), traute ich meinen Augen nicht: Da schwebte ein überdimensionales Apple Signet über mir. War das etwa eine Hommage? Wir erinnern uns: als ich letztes Jahr hier antrabte, tat man mir den Gefallen, direkt vor meinem Bürofenster ein iPod Plakat aufzuhängen. Und nun, zum Jubliäum, scheint man einen Schritt weiter zu gehen.

IMG_0319Ein 60×20m großes Areal unter diesem Logo macht sich fein für den morgigen Tag. Dem Tag, an dem in China endlich offiziell das iPhone von Apple verkauft wird: Weiss betuchte Stuhlreihen, eine große Bühne, Catering und unzählige Aktivierungsterminals warten auf die, die sich durch die meterlang abgesperrten Warteschlangen kämpfen. Dass diese Terminals alle Windows PCs (!?) sind, macht sofort klar: Das ist hier keine Apple Veranstaltung, sondern von China Unicom, der Vertrags-Telefongesellschaft.

IMG_0325IMG_0323Ob sich hier morgen wirklich derart viele Leute drängeln werden? Man darf zweifeln. Einerseits ist der Markt bereits von unzähligen Hong Kong – iPhones durchzogen, andererseits hat die chinesische Festland-Variante ja einen bekannten Haken: Kein WLAN. Die Regierung wollte das so. Man fürchtet, zu viele Menschen könnten sich unkontrolliert in offene Netze wie z.B. bei Starbucks einwählen und Blogs schreiben. Diese könnten anti-Regierung sein und dann weiss man nicht, wem man einen freundlichen Besuch zuhause abstatten muss. ––Äh, Herr Li? Ich finde euch ganz klasse und so! Weisste, ne?

IMG_0361Jedenfalls scheint man seinem eigenen Network nicht recht über den Weg zu trauen, denn direkt vor dem Gelände parkt ein LKW mit mobilem 3G Funkmast. Besser, die Menschen haben zumindest für ein paar Minuten nach der Aktivierung das tolle Gefühl eines schnellen Netzwerks, sonst beschweren sie sich eventuell noch an Ort und Stelle. Und dann verliert einer die Nerven und ein anderer sein Gesicht.

Oct 29

Das hält man ja nicht aus. Völlig unschuldig ist man auf dem Weg zum Shareholder Value getriebenen Röster des verloren gegangenen Vertrauens, um dem Arbeitsnachmittag den letzten Kick zu geben und dann das:

Auf geht's ins holde WeihnachtsgeschäftDa stellen sie doch tatsächlich am 29. Oktober einen Weihnachtsbaum auf.

Gut, man muss schon sehr stark abstrahieren, um ihn zu erkennen, aber es soll einer sein. Ganz klar.

Irgendwie muss es ihnen selber peinlich gewesen sein, denn der mit der Aufstellung betreute fleissige Herr unten rechts im Bild zieht genau in dem Moment den Stecker der grellen Neonshow, als ich mein Handy zur Ablichtung des Dramas in Position gebracht habe. Mist. Und dabei wollte ich unbedingt festhalten, wie er in prächtigen Pink, Mint und Himmelblau-Tönen jeder Disko-Anlage Konkurrenz machen könnte.

Mein lieber Herr Li, jetzt mal ehrlich: Das ist einfach nicht Dein Fest. Und Du hast dieses Jahr schliesslich bereits Ende Januar (Chinese New Year) und Anfang Oktober (National Holidays) Grund und Gelegenheit genug gehabt, alles vollzustellen und zu -hängen. Ganze sieben Tage am Stück durftest Du so viel rumböllern, dass sogar Neubauten in Schall und Rauch aufgehen.

Und ja, wir wissen, dass Du das Aufstellen von blinkenden, zu Kegeln stilisierten Bäumen und thematischen Papp-Schildern mit der inneren Besinnlichkeit einer Adventszeit verwechselst. Bitte nicht an den Amerikanern ein Beispiel nehmen: Nicht die verbrauchte Strommenge und das Durchhaltevermögen beim Abdudeln der immer gleichen Weihnachtsmusik-CD zählen! Obwohl Äh, Weihnachten?man das bei Dir denken könnte. Beim letzten Fest ging es permanent von November bis Mitte Februar und vereinzelt konnte man auch in jedem anderen Monat des Jahres die Jingle Bells klingeln hören. An manchen Shops hängen noch immer die Merry Xmas Grüße 2008. Und Du bist sogar stolz darauf, ich weiss. Du glaubst, das sei weltoffen. Deine Mühe sei zur Kenntnis genommen.

Hier ein Angebot zur gütlichen Einigung: Etwas weniger halogenblaues Lauf- und Stroboskop-Licht, nicht ganz so viel auf die Ohren und dafür vielleicht ein paar Marzipankartoffeln aus Lübeck importieren und von Lindt den guten Herrn mit dem weissen Gesichtswuchs. Dann regen wir uns auch nicht mehr ganz so sehr auf, wenn wir im Mai wieder auf eine Gruppe fröhlich leuchtender Rentiere treffen! Versprochen.
Blinkomat
Nachtrag:

Es scheint Schule zu machen. Als ich nach Hause kam, bot sich mir dieses fröhlich blinkende Bild zum Willkommensgruß.

56 mal werden wir noch wach…

Oct 26

Es gibt so Momente, da weiss man gar nicht, was man vor sich hat. Und später wundert man sich dann, wie das eigentlich sein konnte.

Nehmen wir einmal untenstehendes Foto. In einer Woche ist es genau ein Jahr her, dass ich es, mehr aus einer Laune heraus, geschossen habe. Es war der erste Tag, an dem Hell Dlalle in China war, und wir zwei beiden sprangen über die Wangfujing, worüber ich dann ja auch gleich kurz einmal berichtet hatte.

Einmal rauf die Strasse und auf der anderen Seite wieder herunter. Da gibt es anderswo deutlich uninteressanteres, wenngleich es sich eigentlich nur um eine Einkaufsstrasse handelt. Am Ende (oder Anfang) stiessen wir auf einen Fotoladen. Recht unspektakulär und nach Touri-falle aussehend. Im Fenster lehnten diese drei in Goldrahmen eingefassten Bilder.

China Photo Store

Ich weiss noch, dass wir uns angeregt darüber unterhalten hatten, ob diese nun drei verschiedene Männer zeigen, oder ob das auf jedem Bild der Mao war, nur halt in verschiedenen Altersstufen. Das Chinesische konnten wir ja nicht lesen und irgendwie war’s uns auch nicht so wichtig. Wir haben nur ein wenig darüber geschmunzelt, wie man derlei offensichtlich billige Posterimitate für Touristen so aufgemotzt ins Fenster stellen kann. Die Zeit für diese Art von Portraits war ja wirklich längst um.

Zwölf Monate später lese ich in der Oktoberausgabe des Time-Out Beijing nun dieses:

Das China Photo Studio ist das weltweit einzige authorisierte Geschäft, das diese drei offiziellen Porträts von Chinas vergangenen Führungskräften ausstellen darf. Warum? Weil sie die Originale sind! Und weil diese Originale in genau diesem Geschäft entstanden sind. Urheberrechtlich einwandfrei.

Das Studio wurde 1937 in Shanghai gegründet und zog 1956 nach Peking um, weil es der damalige Premier Zhou Enlai nun einmal so wollte. Und dieser begründete dann auch die Dreierreihe mit seiner Ablichtung im ersten Jahr. Selbstredend haben die Inhaber nie wieder Sorgen aufgrund ausbleibender Kundschaft gehabt, und man reist wohl auch heute noch von weit an, um sich hier vereweigen zu lassen und etwas vom Geist der Macht aufzuschnappen.

Siehste, so kann man sich täuschen. Ich werde demnächst auch mal einen Termin dort machen. Vielleicht wird dann ja noch was aus mir.

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